"Die Presse" Leitartikel: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan von Josef Urschitz

Ausgabe vom 30.08.2007

Wien (OTS) - Nicht nur Julius Meinl hat dem Finanzplatz geschadet. Gesetzgeber und Börse sollten Konsequenzen ziehen.

Anleger haben in Österreich mit Aktien nicht all zu viel am Hut, Emittenten mit der Aktienkultur. Die Affäre um die klammheimlichen, dafür um so umfangreicheren Aktienrückkäufe der Meinl European Land haben jedenfalls wieder einmal gezeigt, was so manche großen heimischen Unternehmerfamilien von ihren kleinen Geldgebern halten. Julius Meinl V. ist ja keinesfalls der Erste oder Einzige, der über seine Kleinaktionäre mit einem herzhaften "Schmecks" drübergefahren ist. Die Liste der heimischen Börsengänge, die frustrierte Kleinanleger zurückgelassen haben, ist lang und enthält prominente Namen wie etwa Mautner Markhof oder Essl (Baumax). Man hat sich in allen diesen Fällen des Eindrucks nicht erwehren können, die werten Aktienemittenten wären der Meinung gewesen, für kleine Anleger sei es der Ehre genug, überhaupt Geld abliefern zu dürfen. Dass sie dann beim "Delisting" auch noch einen angemessenen Preis für Beteiligung haben wollen, sei eigentlich schon eine Frechheit.
Damit ist der Unterschied zur jetzigen Meinl-Affäre aber auch schon erklärt: Es ist praktisch immer um unterschiedliche Bewertungen beim Abgang von der Börse gegangen.
Was jetzt passiert ist, hat eine andere Dimension: Dass ein börsenotiertes Unternehmen seinen Aktionären kursrelevante Informationen nicht nur vorenthält, sondern (wie im Falle von zwei Ad-hoc-Mitteilungen im Juli) möglicherweise sogar falsche Informationen verbreitet, hat eine neue Qualität. Und dass sich der oberste Boss nach dem Auffliegen der Aktion dann hinstellt und verkündet, man sei zur Information gesetzlich ja ohnehin nicht verpflichtet gewesen, weil das Unternehmen dem Jersey-Recht unterliege - bei so viel Aktionärsverachtung bleibt einem eigentlich die Luft weg.
Julius Meinl V. hat am Mittwoch Besserung gelobt. Wir werden sehen. Den angehäuften Misstrauensvorschuss hat er sich jedenfalls redlich verdient.
Aber das kann wohl nicht alles gewesen sein. Wenn der Finanzplatz Wien seinen in den vergangenen Jahren erworbenen Aufstieg von der früheren VIP (Vienna Insider Party) zum international ernst genommenen Börsenplatz absichern will, dann werden Gesetzgeber und Börse aus dem Meinl-Desaster wohl Konsequenzen ziehen müssen.
Zum Beispiel diese:
Es ist völlig inakzeptabel, dass ein an der Wiener Börse notiertes Unternehmen nicht den österreichischen Publizitätspflichten unterliegt. Und es ist ebenso inakzeptabel, dass die Aufsichtsbehörden wie bei Meinl einen Börseprospekt genehmigen, in dem steht, dass die Gesellschaft eine "Jersey Company" ist und österreichische Vorschriften für sie nicht gelten.
Es kann nur ein Scherz sein, dass Falschinformationen in einer Ad-hoc-Meldung (die müssen börsenotierte Unternehmen zwecks Vermeidung von Insiderhandel beim Auftauchen von kursrelevanten Umständen veröffentlichen) mit einer Verwaltungsstrafe von maximal 20.000 Euro geahndet werden. Das ist bei den bewegten Summen ja geradezu eine Einladung.
Die Wiener Börse muss sich wohl überlegen, ob eine in einem Steuerparadies domizilierte Gesellschaft, deren Aktien in Österreich gar nicht handelbar sind (und die deshalb über die Kontrollbank Zertifikate auf diese Aktien ausgibt) irgend etwas im Prime Market zu suchen hat.
Und sie sollte erklären, wieso sie - im Gegensatz etwa zu den Börsen in Frankfurt und New York - solche Zertifikate nicht beim Namen (in diesem Fall ADC) nennt, sondern fälschlicherweise als "Aktien" führt. Zertifikate sind ja, wenn sie Aktionärsrechte verbriefen, an sich nichts Dubioses. Der Aktionär sollte nur wissen, was er kauft.

Und weil wir gerade dabei sind: Der Gesetzgeber könnte sich auch einmal die Rolle der Aufsichtsräte anschauen. Es verstärkt sich nämlich der Eindruck, dass da einander abnickende Freundeskreise entstanden sind, die ihre Rolle nicht mehr so ganz im Sinne von "Aufsicht" sehen.
Kapitalmärkte bekommen eine immer wichtigere Funktion beispielsweise bei der Pensionssicherung. Der Wiener Aktienmarkt, der, wie gesagt, zuletzt eine sehr positive Entwicklung genommen hat, wird also noch gebraucht. Man sollte nicht zulassen, dass er durch Arroganz und Abgehobenheit einiger weniger Akteure für Kleinanleger wieder uninteressant gemacht wird. Sollten die Ereignisse der vergangenen Wochen da zu Konsequenzen führen, dann hat der Mohr - als unfreiwilliger Auslöser einer Marktzivilisierung - seine Schuldigkeit wenigstens getan.

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