"Kleine Zeitung" Kommentar:"Die Königin der Volksnähe, gefangen in der Medienfalle" (Von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 28.08.2007

Graz (OTS) - Weil viele Bürger Politiker als entrückt erleben, genießen Volksvertreter, die von diesem Bild abweichen, einen leistungsunabhängigen Blanko-Bonus. Es reicht, anders zu sein, unkonventionell. Für diese Zuschreibung, die früher mit Haltung zu tun hatte, genügt es zu bekennen, gerne Schweinefleisch zu essen. Oder bisweilen über den Durst zu trinken. Oder Kinder im Haubenlokal als lästig zu empfinden. Oder in Beziehungen zu scheitern.

Dieses Kokettieren mit der eigenen Fehlbarkeit kommt gut an, weil es den Menschen Identifikation bietet: Eine von uns! Politiker punkten längst nicht mehr mehr als Vor-Bild, sondern als Abbild und Ebenbild. Als Ministerin der kleinen Schwächen brachte es Andrea Kdolsky zu Ruhm. Sie war die Königin der Volksnähe. Betört ließ sie sich zu exaltierten Auftritten hinreißen, genoss die Zuwendung der Massenmedien und bediente sie mit barockem Ulk, bis die Medienfalle zuschnappte und sich nicht mehr löste.

Ihre Situation erinnert an Karl-Heinz Grasser. Auch er hatte durch seine Selbstbezogenheit und Inszenierungssucht die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen mit verschoben und hernach die Grenzüberschreitung beklagt. Das entschuldigt nicht die Schrankenlosigkeit der Medien, sondern verdeutlicht nur die Wechselwirkung zwischen Zulassen und Zudringlichkeit.

Zu meinen, eine Familienministerin müsse modellhaft vorleben, wie Familie trotz der Bedrängnisse gelingen kann, ist naiv. Die Lebensführung und die Verwerfungen, die Kdolsky widerfahren sind, dürfen nicht der Maßstab für die Beurteilung als Politikerin sein.

Was man als Anspruch jedoch formulieren darf, ja muss: Dass sich vor dem Hintergrund des demografischen Desasters eine Familienministerin mit Verve und Hingabe für die Privilegierung von Familien einsetzt und alles unternimmt, die Bereitschaft, Ja zu Kindern zu sagen, zu fördern. Sie sollte mehr sein als die fidele Verkörperung des Brüchigen.

Dazu muss man selbst keine Prospekt-Familie vorweisen, aber man muss glaubhaft sein und authentisch. Man muss Überzeugungskraft besitzen. Die deutsche Familienministerin Ursula von der Leyen zeigt es vor. Sie ist der Beweis, dass man in der Familienpolitik konservativ und modern sein kann.

Der direkte Vergleich fällt für Andrea Kdolsky deprimierend aus. Ihr privates Scheitern soll privat bleiben. Zu brandmarken ist ihr Scheitern als erfolg- und willenlose Familienministerin, und das ist öffentlich und das eigentliche Ärgernis.****

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