Andreas Unterbergers Tagebuch

Russen und Raketen

Wien (OTS) - Russen und Raketen

Darf der Verteidigungsminister die Aufstellung amerikanischer Abwehrraketen in Tschechien kritisieren? Trotz Neutralität? Selbstverständlich darf er. Hat doch auch Bruno Kreisky die USA einst regelmäßig getadelt. Dass der Westen Österreich dann in der Waldheim-Krise deswegen die Rechnung präsentiert hat, wird sich nie ganz beweisen lassen, wird aber von vielen Experten angenommen.

Eine andere Frage ist, ob Norbert Darabos klug handelt. Seine Attacke nützt jedenfalls seiner Partei: Antiamerikanismus findet hierzulande in einer Rechts-Links-Allianz ja seit langem satte Mehrheiten. Sie nützt aber auch der Prager Regierung: Diese findet immer die Sympathie ihrer Bürger, wenn sie in Konfrontation zu angeblicher oder wirklicher Einmischung aus Wien zu stehen scheint.

Jenseits der vordergründigen Stimmungsmache stünde Österreich aber vor allem die Erinnerung gut an, dass nur der Schutzschild der USA dem Land Jahrzehnte blühender Sicherheit ermöglicht hat. Gerade ein Burgenländer - auch ein jüngerer - sollte die Erinnerung nicht ganz verlieren, wie es nur wenige Kilometer entfernt zugegangen ist.

Vor allem aber: Die fraglichen Raketen werden - im Gegensatz zu fast jeder anderen Waffe - ausschließlich für defensive Zwecke nutzbar sein, nämlich zum Abschuss einer angreifenden Rakete. Reine Verteidigungswaffen müssten eigentlich der Traum jedes wirklichen Pazifisten sein.

Und die russischen Proteste? Die hängen eindeutig mit der Wiederbelebung der alten Einkreisungsängste zusammen: Die ganze Welt gegen uns. Von den plötzlichen Ansprüchen auf den Nordpol (die noch sehr explosiv werden können) über die absurden Verhaftungen von Tschetschenen und Attacken auf das "Ausland" wegen dem Mord an der Putin-Kritikerin Politkowskaja bis hin zu den Aggressionsakten gegen jene unabhängigen Staaten, die Moskaus Diktat nach der Wende entronnen sind, entsteht ein bedrohliches Bild. Und niemand weiß, ob es nur dazu produziert wird, dass die Putin-Seilschaft auch nach den Wahlen an der Macht bleibt.

Man sollte Darabos daher empfehlen, künftig vor seinen Äußerungen die normalerweise brillanten Analysen seines Heeresnachrichtenamts zu lesen. Oder zumindest den beklemmenden Russland-Bericht im jüngsten "Economist".

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