Russische Kraftmeierei und reale Schwäche

"Die Presse"-Leitartikel von Christian Ultsch

Wien (OTS) - Russland spielt wieder Großmacht. Doch zu alter Stärke wird es kaum finden können. Dazu fehlen die Mittel.

Wer jemals geglaubt haben sollte, dass Russland sich freiwillig aus der Weltgeschichte verabschiedet und zum Schoßhündchen des Westens degeneriert, war von Anfang an schief gewickelt. Die Russen, von Zar Peter I. relativ spät auf die Weltbühne geführt, scheinen es für ihr nationales Ego zu brauchen, als Großmacht respektiert zu werden. Zumindest ist dies der jeweiligen (autokratischen) Führung in den vergangenen drei Jahrhunderten stets ein besonderes Bedürfnis gewesen. Russland hatte dabei immer die Tendenz, seine Macht auszudehnen, um sich schließlich zu überdehnen. Und wenn es einmal zurückgedrängt wurde, dann setzte es nach einer Regenerationsphase neuerlich an, seine Macht zu vergrößern.
Russland ist zwei Mal in seiner jüngeren Geschichte abgeschrieben worden, im ersten Drittel und am Ende des 20. Jahrhunderts. Zwei Mal ist es wieder auferstanden. Nach der Oktoberrevolution 1917 zerfiel das russische Imperium, um 20 Jahre später unter harter sowjetischer Hand zu alter Stärke zurückzufinden und schließlich nach dem Zweiten Weltkrieg die USA als globale Supermacht herauszufordern. 1991, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, behandelten viele Russland als geopolitischen und wirtschaftlichen Pflegefall, der wohl nie wieder das Aufwachzimmer der Weltgeschichte verlassen werde.
Doch 16 Jahre später meldet sich Russland wieder zurück, rhetorisch und symbolisch zumindest. Seit der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar dieses Jahres lässt Präsident Wladimir Putin kaum eine Gelegenheit aus, sich mit dem Westen anzulegen. Zunächst warf er den Amerikanern polternd vor, ein neues konfrontatives Wettrüsten loszutreten, weil sie in Polen und Tschechien zehn Raketen für ihr geplantes Raketenabwehrsystem stationieren wollen. Ein angesichts des russischen Abschreckungspotenzials lächerlich überdimensionierter Vorwurf, doch in Europa fanden sich ausreichend Besorgte, die Putins Argumente aufgriffen.
Das alte russische Spiel, Europa zu teilen, funktionierte prächtig. Der Kremlherr trieb es lustvoll weiter, schürte antiamerikanische Ressentiments. Mit großer Geste kündigte er an, aus dem KSE-Vertrag auszusteigen, einer im Grunde obsoleten, weil erfüllten Vereinbarung zur Abrüstung konventioneller Streitkräfte in Europa. Wieder fingen die Europäer an zu bibbern, als sei ein neuer Kalter Krieg ausgebrochen. Gefröstelt hatte es sie schon vorher, als Moskau der Ukraine das Gas abdrehte. Mit schreckgeweiteten Augen realisierte nun auch eine breitere Öffentlichkeit in Europa ihre Abhängigkeit von russischen Energielieferungen.
Mit allem, was Putin auf außenpolitischem, wirtschaftlichem oder militärischem Feld tut, will er Stärke demonstrieren. Wobei es fast schon pubertär-komplexbeladen wirkt, wie sich die Russen neuerdings mit den USA messen. Da erzählt ein russischer General stolz, dass seine Piloten wieder durch Nato-Luftraum fliegen und US-Kampfjets fröhlich zuwinken. Und um die Machtprojektion auch ja sichtbar zu machen, berichtet ein Team des russischen Staatsfernsehens vom Deck des Flugzeugträgers "Kusnezow", der nach zwei Jahren Alterspause wieder vom Stapel lief.

All das sind Botschaften, die Putin vor allem ans eigene Volk richtet. Die Amerikaner bleiben zu Recht cool. Denn zwischen Anspruch und Wirklichkeit neuer russischer Stärke klafft eine Kluft. Im globalen Maßstab wird der Kreml kaum seine zerflossene Macht wiedererlangen. Dafür fehlen die Mittel, trotz der für Russland erfreulich hohen Energiepreise und des 7-Prozent-Wirtschaftswachstums. Derzeit ist Russland nicht einmal in der Lage, ein Zehntel der US-Rüstungsausgaben aufzubringen. Auch demografisch spricht einiges dagegen, dass Russland in Zukunft eine globale Schlüsselrolle spielt. Denn die russische Bevölkerung schrumpft.
Doch abschreiben, das zeigen die vergangenen Monate, sollte man Russland nie. Für Moskau geht es vor allem darum, Einfluss im "nahen Ausland", also in den ehemaligen Sowjetrepubliken, zu halten oder zurückzugewinnen. Wie gut für die Ex-Satellitenstaaten, dass sie rechtzeitig unter den Nato-Schirm kamen!
Der Westen ist gut beraten, Russland den ihm gebührenden Platz am Tisch der Großmächte einzuräumen. Einen Fehler sollte man jedoch nicht wiederholen: sich vom Kreml einschüchtern zu lassen. Russland hat schon in der Vergangenheit seine aggressive Außenpolitik immer nur dann geändert, wenn es in die Schranken gewiesen wurde. Der Westen muss, bei aller Gelassenheit angesichts der realen Machtverhältnisse, gegenüber Russland mehr Härte zeigen.

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