DER STANDARD-Kommentar: "Gesucht: Ein Anti-Lösegeld-Pakt" von Eric Frey

"Regierungen müssen aufhören, Entführern im Irak und in Afghanistan nachzugeben"; Ausgabe vom 21.8.2007

Wien (OTS) - Die Befreiung der in Afghanistan entführten Deutschen war in mehrfacher Hinsicht eine gute Nachricht. Das Leben einer schwangeren Frau wurde gerettet, die afghanischen Behörden konnten Stärke demonstrieren, und die weit verbreitete Meinung, die Entführung von Deutschen sei ein besonders lukratives Geschäft, weil ihre Regierung immer bezahlt, wurde erstmals Lügen gestraft.
Man wird nie wissen, ob Deutschland am Ende nicht doch wieder nachgegeben und die geforderte Million Dollar hingelegt hätte, um die Freiheit der Frau zu erkaufen. Aber in den Berliner Führungsgremien ist angesichts der vielen Entführungen im Irak und in Afghanistan die Einsicht gewachsen, dass die Lösegeldmillionen, die seit 2004 für die Archäologin Susanne Osthoff und andere Geiseln ausgegeben wurden, großen Schaden angerichtet haben.
Wenn westliche Regierungen im Irak oder Afghanistan Lösegeld bezahlen, finanzieren sie den Terror, untergraben die Autorität des Staates und erhöhen das Entführungsrisiko weiterer Bürger. Das wiederum beschleunigt den Exodus ausländischer Experten und Helfer und schadet dem ohnehin schon so fragilen Wiederaufbau in beiden Ländern - ein fataler Kreislauf.
Aus Sicht europäischer Politiker in Berlin, Paris oder Rom sah die Sache jedoch bisher anders aus: Ein Entführungsfall in einem Kriegsgebiet kreiert laute Schlagzeilen und ein durch die Medien angeheiztes öffentliches Mitgefühl mit dem Opfer. Nach einer Freilassung wird groß gefeiert und wenig hinterfragt.
Wer sich in dieser Konstellation Verhandlungen verweigert und grundsätzlich - wie etwa die Briten - kein Lösegeld bezahlt, läuft Gefahr, als kalt und herzlos dazustehen. Da fallen ein paar Millionen an Steuergeldern kaum ins Gewicht.
Auch politisch wird den Entführern immer wieder entgegengekommen -wie etwa von Romano Prodi, der für das Leben einer italienischen Journalistin die Regierung in Kabul zur Freilassung mehrerer Taliban-Führer drängte.
Absurderweise gilt diese Logik nur im Ausland: Keine Verbrecherbande würde damit rechnen, dass ihr die Regierung für die Entführung x-beliebiger Bürger im Inland Lösegeld bezahlt. Und als sich vor genau 30 Jahren der deutsche Kanzler Helmut Schmidt weigerte, den RAF-Terroristen nachzugeben, um das Leben von Hanns-Martin Schleyer zu retten, heimste er für diese Entscheidung relativ wenig Kritik ein. Doch wenn ein Bürger im Ausland in Lebensgefahr gerät, erwarten alle, dass der konsularische Schutz auch Millionen kosten darf. Dabei sind die meisten Geiseln im Irak und Afghanistan im vollen Wissen des Risikos, dem sie sich aussetzen, in diese Lage geraten. Es sind meist Journalisten, Helfer, oder Menschen, die des Geldes wegen in Gefahrenzonen gehen - so etwa der vor neun Monaten im Südirak verschleppte Österreicher Bert Nussbaumer. Sie haben jedes Recht, dies zu tun - aber ihre Regierungen sind nicht verpflichtet, ihnen dann zu helfen.
Die Lösegeldfrage ist international viel zu wichtig geworden, um sie einzelnen Regierungen zu überlassen, die im Anlassfall unter dem Druck von Angehörigen, Medien und Öffentlichkeit stehen. Es wäre daher notwendig, dass sich die betroffenen Staaten zusammenschließen und in einem Pakt gegenseitig verpflichten, bei internationalen Entführungen kein Lösegeld zu bezahlen - oder mit den Tätern erst gar nicht zu verhandeln.
Das könnte unter einem Schirm wie der Nato geschehen oder innerhalb einer informellen Staatengruppe. Im Fall einer Entführung könnte eine Regierung dann auf ihre internationalen Verpflichtungen verweisen, wenn sie zum Handeln aufgefordert wird.
Nicht alle Entführungen lassen sich damit verhindern, und manche Geiseln wären zunächst in erhöhter Gefahr. Aber sobald es sich herumspricht, dass westliche Staaten doch nicht so leicht erpressbar sind, würden ihre Bürger an Attraktivität als Entführungsopfer verlieren. Und das könnte längerfristig Menschenleben retten.

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