"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die überwachte Freiheit" (von Thomas Götz)

Ausgabe vom 19.08.2007

Graz (OTS) - Seit einem Jahr ist Natascha Kampusch frei. Ein normales Leben wolle sie führen, sagte sie. Nun lernt sie nach, was sie versäumt hat, sie kann reisen und Pläne schmieden für die Zukunft, fast wie im normalen Leben. Trotzdem ist etwas anders als im normalen Leben. Zum Teil ist das unvermeidlich, zum Teil selbst verschuldet.

Unvermeidlich ist es, dass ein Kind, das acht Jahre lang im Keller gefangen saß, das Interesse der Öffentlichkeit weckt. Unvermeidlich ist auch, dass ein Trauma dieser Art nicht mit der Befreiung überwunden ist. Dass aber Natascha Kampusch heute noch wie ein gehetztes Reh auftritt, hat sie nicht zuletzt ihren Beratern zu danken.

Deren Strategie war anfangs klug und hilfreich. Die Welt in Gestalt der Medien sollte nicht ungebremst auf das weltfremde Kind prallen. Erst sollten Ärzte und Psychologen mit ihr sprechen und feststellen, wie robust sie ist, was sie verkraften kann. Also sperrte man sie wieder weg und ließ Nachrichten nur gefiltert heraus. Dann durfte der ORF ein gründlich vorbereitetes Interview führen, wir mussten nachschreiben. Das war schonend und klug.

Dann ebbte das Interesse naturgemäß ab. Die Berater aber blieben bei ihrer Strategie: Keine Fotos, rare Interviews unter Auflagen. Wer sich nicht daran hält, wird geklagt. Damit ist viel Geld zusammengekommen, das der jungen Frau den Start ins Leben erleichtert. Den Preis aber zahlt Natascha Kampusch mit ihrer Freiheit.

Morgen zeigt der ORF das neue Leben der Befreiten. Statt allein nach Barcelona zu fliegen oder mit Freunden hat sie die Kameraleute mitgenommen. Die erste Auslandsreise, ein aufregender Akt der Grenzerweiterung, findet wieder unter Aufsicht statt. Anstelle des Herrn Priklopil ist nun Herr Feurstein samt Kamerateam dabei. Die lassen sie so wenig aus dem Auge, wie es der Entführer getan hatte. Natürlich ist es nicht das Gleiche: Sie haben einen Deal mit ihr geschlossen, sie vorher gefragt. Aber ein Schritt in die Normalität ist das trotzdem nicht.

Es erinnert ein bisschen an "Die Kinder von Golzow". Die Langzeit-Filmdokumentation sollte das Leben in der DDR schildern. In den Sechzigerjahren begannen die Aufnahmen in der Schule von Golzow. Jahr für Jahr kamen die Regisseure zurück, um die Veränderungen im Leben ihrer Versuchskaninchen festzuhalten. Zuerst fanden die das lustig, redeten gern vor der Kamera. Dann kamen Krisen, Scheidung, Arbeitslosigkeit nach dem Mauerfall. Die Lust versiegte, all das vor der Kamera auszubreiten, Anwälte schritten ein.

Natascha Kampusch will ein normales Leben. Vor Kameras wird das schwer gehen. ****

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