"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: Ein Käfig voller Narren

Österreich und seine Politiker sollen sich selbst wieder ernst nehmen.

Wien (OTS) - Politiker und Journalisten haben also einen neuen Ort der Begegnung: Die Gosse. So scheint es jedenfalls, nachdem BZÖ-Chef Peter Westenthaler die Gosse als jenen Ort identifiziert hat, in dem das Image der Politiker gelandet sei. Und das Wiener Stadtmagazin Falter fast zeitgleich den Gossenjournalismus in Österreich ausgemacht hat. Das Neue daran: Nicht die jeweils andere Berufsgruppe wird kritisiert, sondern die eigene. Das Pikante daran: Westenthaler hat seine Erkenntnis zuerst just in jenem Produkt platziert, das im Falter hauptsächlich gemeint war.
Das ist von einer ganz spezifisch österreichischen Komik-Qualität, aber nicht das Hauptthema. Dieses dreht sich um den Respekt vor und für Politiker und darum, ob sie ihn in jenem Ausmaß verdienen, in dem sie ihn für sich in Anspruch nehmen. Und da tut man sich in letzter Zeit besonders schwer. Immer häufiger gewinnt man den Eindruck als sei der eine oder andere Politiker, die eine oder andere Politikerin nicht mehr ganz in der Balance - oder nicht mehr bei sich.
So spekuliert Westenthaler - aus welchen Gründen immer - mit seinem Rückzug, wo er doch gekommen ist, um "zu bleiben". Außerdem muss er wissen, dass jedes "ich bin schon weg" schon vor Jahren von Jörg Haider der Lächerlichkeit preisgegeben wurde. Und Jörg Haider selbst entschuldigt sich jetzt nicht dafür, dass er vor einigen Wochen noch öffentlich geprahlt hat, er habe eigentlich die bulgarischen Krankenschwestern durch seine freundschaftlichen Beziehungen zum Sohn Muammar Gaddafis aus Libyen gerettet und nicht EU-Kommissarin Benita Ferrero-Waldner.

Peinlich Immerhin hat eben dieser Freund jetzt in mehreren Interviews zynisch von der Unschuld der Krankenschwestern, der Folter, den erpressten Geständnissen und den wahren Hintergründen gesprochen. Wie toll also war Haiders Rettungsaktion? Offenbar schämt sich aber weder Haider, noch Österreich für Haider, noch die EU. Die "Enthüllungen" Saif al-Islams wurden mit Schweigen quittiert.
In Österreich ist alles viel harmloser, nie geht es zum Glück um Leben oder Tod, um Elend oder Krieg. Aber auch hier oder gerade hier gilt: Politiker verdienen und bekommen Respekt, wenn ihr Reden und Handeln einen erkennbaren Sinn und Zweck ergibt; wenn sie nicht täuschen und tricksen; wenn sich niemand fragen muss: Sind sie denn noch ganz dicht? Ein Verteidigungsminister, der sich nach Eurofighter-Turbulenzen unverzüglich in die nächste Imagefalle stürzt? Ein VP-Politiker, der den Lehrlingen den Universitätszugang eröffnen will, den sie seit mehr als zwanzig Jahren mit der Studienberechtigungsprüfung bereits haben?
Letzte Umfragen zeigen, dass die Österreicher nach wie vor ein gewisses Grundvertrauen in die Politik haben - mehr als anderswo. Wahrscheinlich, weil eben alles viel harmloser ist. Allzu große Toleranz für politisches Treiben aber heißt: Ein Land nimmt sich selbst nicht ernst. Das ist die Gefahr, nicht die Gosse.

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