Die ungleichen Zwillinge und der große Bruder

"Presse"-Leitartikel von Christian Ultsch

Wien (OTS) - Warum Pakistan kaum vorankommt, während Indien an die Weltspitze drängt - und China beiden davoneilt.

Es war Mitternacht, als die Zwillinge getrennt wurden. 60 Jahre ist das nun her. Die Geburtsfeiern waren an zwei verschiedenen Tagen angesetzt, damit der scheidende britische Vizekönig auch an beiden Zeremonien teilnehmen konnte. Am 14. August 1947 sagte Lord Mountbatten in Karachi, der ersten Hauptstadt Pakistans, Farewell. Tags darauf ließ er in Delhi, der Kapitale der neuen "Union Indiens", die britische Fahne einrollen.
Der Führer der Moslems in Britisch-Indien, Ali Jinnah, hatte auf einen eigenen Staat gedrängt, weil er fürchtete, von der Hindu-Mehrheit an den Rand gedrängt zu werden. Am Ende wurden es dann sogar zwei muslimische Staaten. Denn Ostpakistan, das Hunderte Kilometer von Westpakistan entfernt war, sollte sich 1971 als Bangladesch unabhängig erklären.
Es war eine schwere blutige Geburt, von Anfang an. 14 Millionen Hindus, Sikhs und Muslime verließen in den ersten Wochen der Unabhängigkeit ihre Häuser, um auf der anderen Seite der Grenze Zuflucht zu suchen. Bis zu einer Million Menschen kam bei Pogromen ums Leben. Ein Menetekel für alle, die glauben, es sei eine gute Idee, den Irak in drei ethnische Zonen zu teilen. Trennungen dieser Art verlaufen selten sauber und wirken oft jahrzehntelang traumatisch nach.
Derlei Operationen können auch heilsam sein. In seinem Buch "Postwar" vertritt Tony Judt die These, dass der Alte Kontinent durch die Völkervertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg letztlich stabilisiert worden sei. Die neue ethnische Übersichtlichkeit habe zum Frieden beigetragen. Das mag was für sich haben, für den Subkontinent trifft es jedoch nicht zu. Dort ist das Trauma der unsauberen Trennung immer noch geografisch sichtbar: in Kaschmir. Pakistan hat nicht verwunden, dass ein Teil Kaschmirs nun bei Indien ist. Drei Kriege haben die Nachbarn um Kaschmir geführt; das letzte Mal, 1999, schrammte man haarscharf am Atomkrieg vorbei.
Angesichts der Armut in beiden Ländern hat es etwas Obszönes, wie viele Ressourcen seit 1947 das Militär verschlungen hat. Am meisten leidet heute Pakistan darunter, auch politisch: Wie eine Krake hat sich die Armee über das Land gelegt, schützend und erstickend. Pakistan steht 60 Jahre nach seiner Gründung am Abgrund, zwischen Diktatur und Umsturz. In manchen Teilen des Landes, an Afghanistans Grenze, hat der Staat nie Wurzeln geschlagen. Und Pakistans Machthaber werden die islamistischen Geister, die sie in den 80er-Jahren gerufen haben, nicht los. Sollte sich die radikale islamistische Minderheit durchsetzen, ist Pakistans Miniaufschwung -es hatte zuletzt Wirtschaftswachstumsraten von sieben Prozent -dahin.
Vor sieben Jahren noch, man glaubt es kaum, hatte Pakistan ein höheres Bruttonationaleinkommen pro Kopf als Indien. Das Einkommen war gerechter verteilt. Mittlerweile hat Indien seinen Nachbarn auch in dieser Kategorie überholt. Seit Indien 1991, vom Bankrott bedroht, seine Märkte geöffnet und sich vom Sozialismus abgewendet hat, ist das Milliarden-Einwohner-Land auf der Überholspur. 2050, so erwartet man, wird Indien nach China zweitgrößte Wirtschaftsmacht der Welt sein.

Und doch sticht ins Auge, wie relativ langsam das demokratische Indien in Fahrt gekommen ist im Vergleich zum autoritären Wirtschaftswunderland China. Das Reich der Mitte ist derzeit in fast allen Belangen voran: Es lockt mehr als zehn Mal so viele Auslandsinvestitionen an, es hat einen höheren Bildungsstand, auch die bessere Infrastruktur.
Indien hat jedoch zwei Vorteile: Seine Bevölkerung ist jünger als in China, das sich durch die Ein-Kind-Politik eine schwere Hypothek aufgebürdet hat. Und Indiens Demokratie hat sich als ein System erwiesen, das auch trotz eklatanter Massenarmut stabil ist. Ob Chinas Regime, das mit seinem Turbokapitalismus neue Ungleichheiten schafft, auch soziale Explosionen abfedern kann, muss sich erst zeigen. Vorgezeichnet scheint jedenfalls, dass sowohl Indien als auch China den Spitzenplatz in der Welt beanspruchen, den sie zuletzt im 17. Jahrhundert innehatten. Damals gab es, wie William Dalrymple in "The Last Moghul" schreibt, für die indisch-muslimischen Herrscher nur eine Konkurrenz: den Ming-Kaiser. Indien schuf fast ein Viertel der gesamten Weltproduktion. Die Gewichte verlagern sich nun zurück, wobei zu bedenken wäre, dass in der Geschichte neue Weltmächte praktisch nie ohne Konflikt entstanden. Die Preisfrage lautet aber, warum ausgerechnet die muslimischen Nachfolgestaaten des Großreichs nicht am Aufholprozess teilhaben.

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