"Kleine Zeitung" Kommentar: "Sommerliche Wurfspiele" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 12.8.2007

Graz (OTS) - Ein Sommer der entbehrlichen Wortspenden geht zur Neige. Ein Nachruf.

Was ist eigentlich ein Klimabeauftragter? Wir haben jetzt einen. Er heißt Andreas Wabl, bekommt sein Geld vom Bundeskanzler und soll diesen beraten. Kompetenzen in Umweltbelangen hat der Kanzler nicht, also auch nicht sein Berater. Aber die Besetzung ärgert Grüne
und Schwarze, das genügt.

Besser geht es Wolfgang Zinggl. Die sozialdemokratische Bildungsministerin Claudia Schmied hat dem grünen Kulturpolitiker das Museum moderner Kunst anvertraut. Das gibt es wenigstens.

Das Prinzip der politischen Blutspende, das die ÖVP heute so ärgert, hat sie einst selbst praktiziert. Karl-Heinz Grasser kam von der FPÖ und wurde der ÖVP freundlich eingemeindet. Hätte er nicht zurückgezuckt, er wäre heute Vizekanzler für die Partei, der er nicht angehört. Auch Ex-Justizministerin Karin Gastinger war nach ihrem Bruch mit dem BZÖ in den Sog der ÖVP geraten.

Viel weiter treibt es Frankreichs Nicolas Sarkozy. Er machte zum Ärger seiner Partei Sozialdemokraten zu Ministern. Das verwischt die Lagergrenzen und stärkt seine Position als Präsident aller.

Bei uns ist es noch nicht so weit. Dass die ÖVP einen Sozialdemokraten auf einen ihr zustehenden Ministerposten hievt, ist so undenkbar wie umgekehrt.Doch auch hier ist etwas in Bewegung gekommen. Claudia Schmied hat einem ÖVP-Mann die Schulreform anvertraut, eines der ehrgeizigsten Projekte ihrer Partei. Das war ein Überraschungscoup, auch wenn Bernd Schilcher sich stets für die Gesamtschule eingesetzt hat. Die Beispiele zeigen: Die ideologischen Fronten sind in Bewegung geraten.

Schwindende Gewissheiten verursachen Phantomschmerzen. Das erklärt vielleicht die sommerlichen Wurfspiele mit Versatzstücken überkommener Ideologiedebatten. Die vermitteln Geborgenheit und ersetzen mühsames Nachdenken. Zum Beispiel darüber, was Links und Rechts noch heißen könnte.

An ihrer Haltung zur Gleichheit könne man Linke von Rechten immer unterscheiden, schrieb Norberto Bobbio in den Neunzigern. Die Rechte sei eher geneigt, das Natürliche und die "zweite Natur zu akzeptieren, die sich in Gewohnheit, in Tradition, in der Kraft des Vergangenen ausdrückt". Die Linke hingegen "gibt nicht einmal vor den offensichtlich natürlichen Ungleichheiten auf", meint er und verweist auf das italienische Experiment, die psychisch Kranken aus der Heilanstalten zu entlassen.

Der Philosoph ist tot und der Sommer heiß. Trotzdem hätten wir gerne gewusst, was das alles bedeutet für die Schuldebatte, was für die Asylpolitik und andere Fragen.

Vielleicht nächstes Jahr. ****

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