"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Der Steinewerfer" (Von MICHAEL SPRENGER)

Ausgabe vom 9. August 2007

Innsbruck (OTS) - Peter Westenthaler sitzt in der Orangerie und schmeißt mit Steinen um sich. Seine Begründung eines möglichen Ausstiegs aus der Politik ist an Heuchelei kaum zu überbieten. Wenn ein Würstelstand-Besitzer sich über die Qualität der heimischen Küche aufregt, hat dies jedenfalls noch mehr Glaubwürdigkeit als seine Kritik am Zustand der Politik. Westenthalers Rücktrittsüberlegung ist zudem eine hilflose Verzweiflungstat. Das BZÖ liegt seit seiner Gründung am Boden. Seit der Spaltung des vormals dritten Lagers kämpft das orange Kunstprodukt auf Bundesebene von Anbeginn gegen die politische Bedeutungslosigkeit an. Abgesehen von der Parteifarbe blieb das BZÖ farblos. Nur um Haaresbreite und nur aufgrund des sensationellen Ergebnisses in Kärnten schaffte das BZÖ überhaupt am 1. Oktober den Einzug in den Nationalrat. Eigentlich schon am Wahlabend musste Westenthaler einsehen, dass er keinerlei Zugkraft besitzt. Immerhin wurde er wenige Monate vor der Wahl von seinem langjährigen politischen Ziehvater Haider mit dem Posten des BZÖ-Obmanns wieder auf die politische Bühne gestellt. Dort sucht er seither seine Rolle.

Jetzt überlegt Westenthaler also seinen Rücktritt. Das kann einerseits (ein im Nachhinein leicht durchschaubarer) Versuch sein, mediale Aufmerksamkeit zu erreichen, und allenthalben dazu dienen, Rückhalt innerhalb des BZÖ zu gewinnen. In beiden Fällen ein gefährliches Unterfangen. Denn der eigentliche Chef des BZÖ, Jörg Haider, hat Westenthalers Aufschrei nicht einmal ignoriert.

Egal, ob Westenthaler nun zum zweiten Mal der Politik Adieu sagt oder nicht, das BZÖ wird, wenn überhaupt, nur als regionale Kärntner Kraft politisch überleben können. Das weiß Haider längst, deshalb fährt er etwa auch in Sachen Gesamtschule einen diametralen Kurs zum BZÖ-Obmann. Mittelfristig, so könnte Haiders Kalkül sein, könnte er sich mit einer Art CSU-Modell sogar der FPÖ wieder andienen.

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