"Kleine Zeitung" Kommentar: "Gefährliher Tauchgang" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 05.08.2007

Graz (OTS) - Auf den ersten Blick war es die kurioseste Meldung
der Woche. Ein russischer Abgeordneter ließ sich in einem Mini-U-Boot am Nordpol zum Meeresgrund senken. Dort pflanzte der mechanische Greifarm des Boots die russische Flagge auf. Das verschwommene Foto erinnert an die Landnahme der USA auf dem Mond.

Anders als der amerikanische Besuch auf unserem dürren Trabanten, wird dieses Husarenstück nicht folgenlos bleiben. Unter der Arktis vermuten Geologen die größten Ölreserven der Welt, dazu riesige Vorkommen von Erzen, Edelmetallen. Artur Chilingarov, der besagte Abgeordnete, hat mit seinem riskanten Ausflug das Rennen um diese bisher völlig unerreichbaren Schätze eröffnet.

Die teils höhnischen, teils verärgerten Reaktionen der anderen drei Anrainer beweisen, dass seine Geste als Herausforderung verstanden wird. Kanada, Dänemark und die USA reichen auch in den Polarkreis. Wer beweisen kann, dass der Sockel seines Landes weiter als die vereinbarten 200 Seemeilen ins Meer ragt, darf dort auch rechtmäßig schürfen. Ein grotesker Wissenschaftsstreit unter Geologen wird uns die nächsten Jahre begleiten.

Der Hintergrund ist ernster als das Geplänkel um unterseeische Gebirgszüge, die kein Mensch je gesehen hat. Es geht um die Vorherrschaft in der Welt, bedingt durch die Kontrolle der Energiequellen. Wie man das macht, zeigt Russland seit ein paar Jahren vor.

Nachbarländer, die von russischen Lieferungen abhängig sind, haben das schon zu spüren bekommen. In der Ukraine, deren Präsident den Russen ein Dorn im Auge ist, fielen im Winter 2006 plötzlich die Heizungen aus. Und Weißrussland sah sich von einem Tag auf den anderen mit einer Verdoppelung der Energiepreise konfrontiert. Weil das desolate Land nicht zahlen konnte, musste es seine Gaspipeline verkaufen. Der Käufer war dieselbe Gazprom, die zuvor den höheren Gaspreis diktiert hatte. Das ist Erpressung, und Vladimir Putin macht sich nicht die Mühe, sie zu kaschieren.

Russland ist unser zweitwichtigster Lieferant für Rohöl nach Kasachstan, gefolgt von Nigeria und Libyen. Fast die Hälfte unseres Bedarfs kann die Energiegroßmacht kontrollieren. Auch Deutschland, dem Kanzler Gerhard Schröder die Energiepartnerschaft mit Putin verordnet hat, macht sich Sorgen wegen der Großmachtsambitionen der Russen.

Die Alternativen sind kaum attraktiver. 2030 wird laut Wirtschaftskammer die Energieversorgung Europas vorrangig vom Nahen Osten abhängen. Das und der Tauchgang in der Arktis sollte unsere Suche nach Alternativenergie beflügeln. ****

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