"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Armee geht nicht als Sieger, wenigstens Ruhe schaffte sie" (von Erhard Hutter)

Ausgabe vom 01.08.2007

Graz (OTS) - Der Abzug des britischen Militärs aus der
nordirischen Provinz geht ohne Aufmärsche, ohne Fahnenparaden vor sich. Um Mitternacht haben sich gestern die Tore der Kasernen für immer geschlossen. Nach 38 Jahren ist die "Operation Banner", Ruhestiftung durch die Streitkräfte, also abgeschlossen.

Gleichwohl ist diese Räumung ein denkwürdiger Tag für Nordirland. Die Fundamente, auf denen dauerhafter Friede, Selbstregierung und Wirtschaft ruhen, sind so fest, dass es keiner militärischen Ordnungsmacht mehr bedarf. Von heute an liegt die Sicherheit in den Händen der Polizei.

Die Armee war als Friedensstifter in die Provinz gekommen. Labour-Premier Harald Wilson hat sie 1969 widerwillig als letztes Mittel aufgeboten, um den eskalierenden blutigen Zusammenstößen zwischen Katholiken und Protestanten Einhalt zu gebieten. Demonstrationen und Straßenmärsche von katholischen Bürgerrechts-kämpfern hatten zu Aufständen und Gewaltausbrüchen geführt, denen die vornehmlich protestantische Polizei nicht mehr gewachsen war.

Als das Militär mit aufgepflanzten Bajonetten in Belfast einmarschierte, wurde es von den katholischen Nationalisten als Beschützer vor der Willkür der unionistischen Machthaber begrüßt. Doch die Stimmung wendete sich schlagartig, als sich die Armee so benahm, als hätte sie in einem unterentwickelten Winkel des Empires für Ordnung zu sorgen.

Sehr bald wurde die zunächst gelobte Schutzmacht als Handlanger der Unterdrückungs-maschinerie Londons und als Parteigänger der Protestanten gesehen. Der blutige Sonntag in Londonderry 1972 entfachte Bitterkeit und grenzenlosen Hass auf die Uniformierten: 14 unbewaffnete katholische Demonstranten starben im Kugelhagel der Soldaten. Das Massaker bescherte der Terror-Organisation IRA massenhaften Zulauf.

Die von Libyens Gaddafi aufgerüstete IRA begann eine fürchterliche Bomben-Kampagne, die erst 1994 durch den ersten Waffenstillstand langsam verebbte. In dem blutigen Partisanenkrieg der militanten Republikaner gegen das Militär verloren 763 Soldaten ihr Leben -zumeist durch Scharfschützen der IRA. Auf das Konto der Armee gehen 301 Tote, die Hälfte davon Menschen, die keiner paramilitärischen Einheit angehört haben.

Die britische Armee geht nicht als Sieger, der die IRA in die Knie und zur Kapitulation gezwungen hat. Aber ohne sie wäre Gewalt in ein permanentes Blutbad ausgeartet und eine politische Lösung undenkbar gewesen. ****

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