"Die Presse" Leitartikel: Neue Superschule und neuer Bildungswettstreit (von Erich Witzmann)

Ausgabe vom 1.8.07

Wien (OTS) - Die ÖVP setzt die SPÖ unter Zugzwang: Erstmals hat sie ein neues Konzept gegen die Gesamtschule.

Die Volkspartei bestimmt weiter die Bildungsdiskussion. Nach den Sticheleien von Generalsekretär Hannes Missethon (Aufnahmeprüfung) und Bildungssprecher Fritz Neugebauer (Bildungstipps für Dreijährige) liegt nun das gesamte Schulprogramm der ÖVP-Perspektivengruppe vor -und dieses hat es in sich. Da wird die vor allem in Ballungsgebieten verkümmerte Hauptschule zu einem neuen gigantischen Schultyp aufgebaut, einer Superschule gleichsam, die selbst ihr Bildungsniveau bestimmen kann und zudem alle weiteren Ausbildungswege eröffnet. Die vierjährige Hauptschule wird zum direkten Konkurrenten des achtjährigen Gymnasiums.
Eine Konkurrenz gibt es aber auch und vor allem im politischen Bereich. Denn mit dem neuen Bildungsmodell hat die ÖVP erstmals die monotone Verteidigung der bisherigen Schulstruktur aufgegeben und ist mit der SPÖ in einen direkten Wettbewerb um die besseren Ideen eingetreten. Die Sozialdemokraten beharren auf ihrer Gesamtschule, schlimmer noch: Sie streiten öffentlich darüber, ob diese gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen intern differenziert werden soll. Ob es also einen einheitlichen Unterricht geben soll und von Zeit zu Zeit Stütz- und Förderlehrer durch eine Klasse schwirren sollen, oder ob es unterschiedliche Leistungsniveaus geben soll.
Beide großen Parteien wollen die Schulpflicht bis 18 Jahre, die freilich auch mit einem Beruf (Lehre) verbunden sein kann. Beide Parteien haben erkannt, dass die 1962 eingeführte Polytechnische Schule für die Jugendlichen kaum ein Gewinn ist und daher gestrichen werden oder in einem anderen Schultyp aufgehen kann. Es gibt also trotz des täglichen Bildungs-Hickhacks einige Gemeinsamkeiten.

Neu ist jedenfalls die Vorlage der Perspektivengruppe, und diese verdient eine kritische Auseinandersetzung. Die Steigerung der Schulautonomie ist bestechend, sie soll weit über das bisherige Maß hinausgehen. Man weiß jetzt schon, dass eine weitergehende Selbstständigkeit nicht auf eine überbordende Zustimmung des Unterrichtsministeriums stößt, man kennt aber auch die bisherigen Querschüsse der Lehrergewerkschaften gegen so manche nicht ganz so weit gehende Neuerung. Die Schulen sollen sich ihre Lehrer selbst aussuchen können, sollen selbst gemäß ihren Bildungsprofilen Anforderungsprofile erstellen können. Und wenn ein derartiges Profil die ständige Fortbildung ihrer Pädagogen (vielleicht auch noch in den Sommerferien) erfordert? Die Reaktionen der Lehrer-Standesvertreter sind absehbar, sie waren bisher die eifrigsten Verteidiger der gegenwärtigen Zustände.

Schließlich wird die im Koalitionsprogramm festgelegte Ausbildungsgarantie bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres in eine "Ausbildungspflicht" umgeformt. Das betrifft vor allem die Schulabbrecher, die mit 16 oder 17 Jahren buchstäblich auf der Straße stehen und keinen Job finden. Anstelle des AMS für Jugendliche - ein Inbegriff der Trostlosigkeit - soll nun das Unterrichtsministerium die Verantwortung für diese Jugendlichen übernehmen. Freilich ist zu befürchten, dass dann die im ÖVP-Modell vorgesehene Höhere duale Schule - im SPÖ-Modell die Berufsschule oder Lehrwerkstätte - zu einer neuen "Restschule" wird. Hier geben die Bildungsprogramme der beiden großen Parteien (noch) keine zufrieden stellende Antwort. Dass aber eine Auffanginstitution dringend vonnöten ist, gilt als unbestritten.
Möglich ist das neue ÖVP-Konzept erst dadurch geworden, dass die Perspektivengruppe abseits der eingefahrenen Wege neue Modelle erörtern konnte. Die Wiener Stadträtin Katharina Cortolezis-Schlager war als Leiterin eine der wenigen Politiker in diesem Teilbereich, in erster Linie waren da Pädagogen und Uni-Lehrer (nicht-parteipolitische Bildungsexperten also) am Werk. Die Diskussion um die besseren Ideen und um gemeinsame Positionen ist damit eröffnet.
Die ÖVP-Positionen werden jetzt erst einmal intern zur Diskussion gestellt, das garantiert weitere Auseinandersetzungen, vielleicht auch Verbesserungen, auf jeden Fall aber die Erwartung, dass es sich nicht nur um einen politischen Sommer-Gag handelt. Die SPÖ (und die Grünen, die FPÖ, das BZÖ) sollten jedenfalls nicht - wie üblich -reflexartig alles ablehnen, sondern ihrerseits ins Gespräch treten. Auch die Gesprächskultur ist Teil der Bildung.

Rückfragen & Kontakt:

Die Presse
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR0001