WirtschaftsBlatt Kommentar vom 1. 8. 2007: Lieber reinlassen als rausgehen - von Arne Johannsen

Österreich als gelobtes Beschäftigungsland - das war gestern

Wien (OTS) - Im Baugewerbe werden händeringend Fachkräfte gesucht, auch Elektriker, Mechaniker und Ingenieure sind Mangelware. Und ein Apfelbauer sucht Erntehelfer zum doppelten Stundenlohn des Vorjahres - und findet trotzdem niemanden. Jetzt steuert die Regierung dagegen und will die Einwanderung von Ukrainern und Weissrussen erleichtern. Keine Sorge, die Rede ist nicht von Österreich, sondern von Polen.

Keine Sorge? Auch in Österreich klagen Betriebe immer lauter und immer drängender über einen Mangel an Fachkräften. Deshalb plant Wirtschaftsminister Martin Bartenstein offensichtlich, zusätzliche qualifizierte Arbeitskräfte ins Land zu lassen. Nach den 800 osteuropäischen Schweissern, die seit April kommen dürfen also die nächste Infusion für den Arbeitsmarkt. Welche Branchen und Berufe auch in den Genuss dieser Regelung kommen werden, der Aufschrei der Gewerkschaft wird so laut sein wie die Wunschliste der Industrie lang ist.

Bartensteins Vorstoss ist vernünftig, die Diskussion darüber von Illusionen geprägt, auf beiden Seiten. Die Gewerkschaft befürchtet weiteres Lohndumping und schlechtere Chancen für heimische Arbeitssuchende - und ignoriert die Qualifikations-Problematik. Denn acht von zehn Arbeitslosen verfügen über keine oder eine nicht gefragte Qualifikation. So funktioniert der Arbeitsmarkt wie ein Feuerwehrfest: Zwar gibt es rein rechnerisch ausreichend männliche und weibliche einsame Herzen, um viele glücklich zu machen, doch am Ende passen nur die wenigsten wirklich zusammen.

Vor allem aber: Jobs gehen Arbeitssuchenden nicht durch einige hundert ausländische Fachkräfte verloren, sondern durch Betriebe, die im Inland keine Mitarbeiter finden und deshalb ins Ausland abwandern. Hier lauert für den Arbeitsmarkt eine viel grössere Gefahr.

Doch auch die Industrie unterliegt mit ihrer langen Wunschliste Illusionen. Viele Betriebe haben sich in Sachen Ausbildung in den vergangenen Jahre nicht gerade überanstrengt. Das hat Kosten gespart, und bei Bedarf stehen ja qualifizierte und billige Kräfte aus Osteuropa parat. Bitte aufwachen: Auch in Ungarn, Polen und der Slowakei wächst die Wirtschaft, werden Fachkräfte knapp und steigen die Löhne. Österreich als gelobtes Beschäftigungsland - das war gestern.

Die Lehre aus der Leere: Unternehmen können viele Dinge outsourcen und bei Bedarf zukaufen. Gute Mitarbeiter und eine weitsichtige Personalentwicklung gehören nicht dazu.

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