"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer: Schwarzer Peter für die Universitäten

Studenten brauchen Klarheit und Gerechtigkeit, nicht Verwirrung.

Wien (OTS) - Die Wahrheit sei eine Tochter der Zeit, lautet ein beliebtes Zitat. Und die Zeit sei reif für Aufnahmeverfahren an Österreichs Universitäten, verlautet nun aus der ÖVP. Die Wahrheit ist allerdings heute so unangenehm wie in den letzten Jahren -in den Zeiten des überwiegend freien Hochschulzugangs und auch nach der Einführung der Studiengebühren: Wie kann man Qualität und Leistung sichern, ohne allzu restriktiv aufzutreten und das Konzept des "Studiums für alle" als gescheitert verwerfen zu müssen?
Nach den Aussagen der Wiener Stadträtin Katharina Cortolezis-Schlager tut sich auch die ÖVP mit dieser Frage vorerst noch unendlich schwer. Denn ein Modell, wonach jede Universität die Art des Aufnahmeverfahrens selbst festlegen kann, zeigt genau dieses politische Dilemma auf: Die Universitäten sollen die Studenten aussuchen dürfen, aber die ÖVP darf nicht als jene Partei dastehen, die jungen Menschen Hürden baut. Daher beschwört man die Autonomie und schiebt die Verantwortung den Unis zu.
Der Vorschlag also, es könnte ja Aufnahmsprüfungen oder Forschungsarbeiten oder Aufnahmegespräche oder etwas ganz anderes geben, würde in den meisten Studienfächern mit großer Wahrscheinlichkeit zur Ungerechtigkeit und mit Sicherheit zur Trennung zwischen "leichten" und "schweren" Universitäten führen. Ein Hinweis auf die Fachhochschulen wäre unzulässig, denn das würde der ursprünglichen Konzeption der beiden Einrichtungen total widersprechen.

Ein Test für alle Eine gangbare Alternative wäre daher ein für alle österreichischen Maturanten identer Zusatztest nach dem Muster des amerikanischen SAT. Bei diesem Scholastic Assessment Test steht von vornherein fest, welche Punktezahl für wirklich gute Universitäten erforderlich ist. Zwar gibt es genügend Kritik an einem solchen Auswahlverfahren, aber wenigstens ein Minimum an Chancengleichheit wäre gesichert. Dieses ist jenem Modell, das in der ÖVP-"Perspektiven-Gruppe" offenbar angedacht wird, nicht zu finden. Dessen Chancen auf Realisierung sind gering. Erstens, weil eben endlos über die Gerechtigkeitsfrage gestritten wird; und zweitens, weil sich herausstellen wird, dass dieses Modell den neuen Universitäten mit der Dreiteilung des Studiums in Bachelor/Master/Doktorat nicht mehr entspricht.
Ohne standardisiertes Aufnahmeverfahren müsste logischerweise der Zugang zum Bachelor-Studium für alle Maturanten uneingeschränkt möglich sein. Danach suchen die Universitäten ihre Master-Studenten selbst aus. Die Selektion für das Doktorat wäre automatisch.
Die Zeit wäre also reif, einer unangenehmen Wahrheit ins Auge zu sehen, die nicht nur für die ÖVP gilt: Wer mit alten Ideen nur punktuell an neuen Gegebenheiten herumbastelt, erzeugt nichts als Verwirrung. Aber wie heißt es in einem anderen Zitat? Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd. In diesem Sinn -nichts wie weg.

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