WirtschaftsBlatt Kommentar vom 11. 07. 2007: Brenner-Tunnel: Wir wollen die Feiern nicht stören - von Herbert Geyer

...aber ein paar Anmerkungen seien erlaubt

Wien (OTS) - Jubel, Trubel, Heiterkeit nach dem Verkehrsgipfel in Wien: Die EU zahlt für den Bau des Brenner-Basistunnels ein Drittel der auf sechs bis acht Milliarden Euro geschätzten Kosten zu. Jedenfalls vielleicht. Zusagen gibt es zunächst nur für 800 Millionen Euro.

Es liegt uns fern, die Freudenfeiern stören zu wollen. Ein paar Punkte wollen wir aber doch anmerken:

* Mit sechs bis acht Milliarden Euro wird es nicht getan sein. Selbst in der Schweiz, die es mit solchen Dingen etwas genauer nimmt, ist der kürzlich eröffnete Lötschberg-Tunnel zwischen Planung und Bauabschluss um 65 Prozent teurer geworden. In Österreich verdoppelt sich der Preis sogar bei weit weniger aufwendigen Projekten. Das zu Grabe getragene alte Projekt des Semmering-Basistunnels kostete nach ersten Schätzungen rund drei Milliarden, nach letzten ebenfalls - nur dass anfangs in Schilling, am Schluss aber in Euro gerechnet wurde.

* Auch in der Schweiz herrscht über das Jahrhundertprojekt "Neue Eisenbahn-Alpentransversale" (NEAT), dessen Gesamtkosten sich bereits auf 15 Milliarden Euro verdoppelt haben, Katzenjammer: Die verkehrspolitischen Ziele werden nicht erreicht. Dabei hat die Schweiz mit einer Lkw-Maut von 61 Cent pro Kilometer ein wahrlich starkes Argument für den Umstieg von der Strasse auf die Schiene. Zum Vergleich: In Österreich sind es jetzt 26 Cent - bei weitem zu wenig, um Verkehr auf die Bahn zu zwingen.

* Bis jetzt gibt es keine ernst zu nehmende volks- oder gar betriebswirtschaftliche Rechtfertigung für den Tunnelbau. Angesichts der billigen Strasse und der in der Schweiz aufgebauten Bahn-Kapazitäten ist nicht zu erwarten, dass der teure Tunnel auch entsprechend angenommen wird. Der Tunnel bringt eine Verdreifachung der Kapazität. Aber schon jetzt werden die freien Kapazitäten auf der bestehenden Brennerstrecke nicht genutzt - dort stagniert die Auslastung seit Jahren bei rund 50 Prozent.

* Welche Folgen eine solche Schere aus steigenden Kosten und unter der Erwartung liegender Nutzung hat, können wir schön an jenem Projekt beobachten, das durch den Brenner-Basistunnel als längster Tunnel Europas entthront wird: dem Kanal-Tunnel.

* Und schliesslich ist es nicht unbedingt ein Grund zum Feiern, wenn die EU sich an einem zumindest zweifelhaften Infrastrukturprojekt beteiligt. Wenn es ums Zahlen geht, bedeutet "die EU" zu allererst einmal: ihre Nettozahler. Den grosszügigen EU-Beitrag werden also primär wir selbst bezahlen.

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