"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Radsport am Scheideweg: Selbstheilung oder Selbstmord" (von Michael Schuen)

Ausgabe vom 10.07.2007

Graz (OTS) - Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und bei der Tour de France scheinen die Zuschauermassen, die beim Gastspiel in England an den ersten beiden Tagen den Straßenrand säumten, den Blick aufs Wesentliche zu verstellen. Denn der Radsport ist trotz der 1,2 Millionen Fans auf der Insel weit davon entfernt, sich als "heile Welt" präsentieren zu können.

Nur wenige Wochen nach den Aufsehen erregenden Doping-Geständnissen und Enthüllungen kämpft eine Sportart darum, wenigstens die letzten Reste eines erträglichen Images zu bewahren. Seit die "Omerta", das Gesetz des Schweigens, gebrochen wurde, schwebt das Damoklesschwert Doping mehr denn je über den einstigen Helden der Landstraße. Denn auch wenn die Dopingfahnder zur Zeit auf der Überholspur sind: Noch immer scheinen nicht alle Profi-Teams den Ernst der Lage erkannt zu haben. Vor allem spanische und italienische Mannschaften weigern sich beharrlich, eigene Vergehen der Vergangenheit einzugestehen. Damit wandeln sie am Grat des Absturzes.

Denn ihre Geldgeber sind es leid, mit dem Doping-Image des Radsports in Verbindung gebracht zu werden. Und das, obwohl das Preis-Leistungs-Verhältnis in diesem Sport für Sponsoren einzigartig war. Zwischen fünf und zwölf Millionen Euro betragen die Jahres-Etats der Top-Mannschaften. Ein Betrag, den österreichische Fußballteams pro Saison mitunter als Verlust verbucht haben - allerdings mit erheblich geringerem Werbewert. Wenn nur das schlechte Image nicht wäre. . .

Der Beigeschmack des Betruges - und nichts anderes ist Doping -sorgte dafür, dass es Absagen hagelt: Viele große Sponsoren haben ihren Rückzug angekündigt, weitere werden folgen. Die finanzielle Basis der Teams, die mit bis zu 80 Angestellten zu mittelständischen Unternehmen geworden sind, schrumpft. Der Druck, endlich mehr für den Antidoping-Kampf zu tun, wächst in demselben Maße. Umso verwunderlicher, dass die Schere zwischen denen, die einen radikalen Schnitt wollen, und jenen, die in der Vergangenheit verharren, immer größer wird.

Die Tour de France muss in diesem Jahr die härteste Bewährungsprobe seit ihrem Bestehen überstehen. Obwohl heuer mehr "saubere" Fahrer am Start sind als je zuvor. Eine Garantie, dass keiner zu verbotenen Mitteln greift, wird es aber nie geben.

Zuletzt hat der Radsport mit der Konsequenz eines Selbstmörders daran gearbeitet, sich selbst zu zerstören. Wenn nicht alle Beteiligten aufwachen, wird das auch gelingen. ****

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