"Kleine Zeitung" Kommentar: "Mit der großen Trommel eine Bresche bis zur Basis schlagen" (von Frido Hütter)

Ausgabe vom 07.07.2007

Graz (OTS) - Es war am späten Abend des 13. Juli 1985 in Hongkong. In einem spärlich möblierten Hotelzimmer verfolgte ich via Fernsehen das Geschehen im Londoner Wembley-Stadion, wo es noch heller Nachmittag war. "Live Aid", das bis dato größte Benefizkonzert aller Zeiten gegen den Hunger war im Gange. Beim Auftritt von Phil Collins gegen Hongkongs Mitternacht übermannte der Schlaf mein Interesse.

Aufgrund davorliegender Erschöpfung währte Morpheus' Regime acht Stunden, das TV-Gerät lief derweil leise weiter.

Ich erwachte - und sah abermals Phil Collins. Jedoch nun in Philadelphia, wohin er zwischenzeitlich per Concorde geeilt war, um sich alldort wieder live ins Konzertgeschehen einzuklinken.

Daraus erschloss sich der größte Zauber dieser Veranstaltung: Da standen hunderte Künstler auf tausende Kilometer entfernten Bühnen und sandten ihre Botschaft gegen Hunger bis nach Hongkong und sonst wohin. Das alles live.

Es war ein erster beeindruckender Hornton dessen, was wir heute Globalisierung nennen, und noch dazu getragen vom Geist des Guten.

Das ist 22 Jahre her, ähnliche Aktionen sonder Zahl sind um die Welt gegangen. Um Schuldenerlass für die Dritte Welt, gegen die Besetzung Tibets, gegen den Krieg etc. wurde angesungen. Und heute (siehe TV-Seiten) will man weltweit ordentlich einheizen, auf dass die Welt wieder kühler werde.

Kann Musik auf diese Art die Welt verbessern? Die Antwort ist ein klares Nein. Auch nach "Live Aid" wurde in Afrika gehungert, gemordet und in den KZ der Nazis starben Millionen von Menschen, während in deutschen Opern "Parsifal" gegeben wurde.

"Die Jugend kann nicht mehr auf die Erwachsenen hören, dazu ist ihre Musik zu laut", hat der Schriftsteller Oliver Hassencamp gesagt. Hierin liegt ein Ansatz: Warum sollten Jugendliche in Sachen Klimaschutz auf Leute wie Bush oder Putin hören?! Deren Konzepte sind doch jämmerlich und hoffnungslos von gestern. Womit einmal die Lautstärke gerechtfertigt wäre.

Und der Aufwand? Auch der ist angemessen. Wir leben in einem medial befeuerten Wettbewerb um wirklich breite Aufmerksamkeit. Und diese gewinnt man nicht mit seriösen Studien, peniblen Prognosen und wissenschaftlichen Warnungen allein. Nein, da muss man schon die große Trommel globaler Unterhaltung schlagen, damit das alles an die Basis sickert.

Und so betrachtet ist "Live Earth" immer noch wesentlicher als etwa Olympische Spiele oder eine Fußball-WM. ****

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