WirtschaftsBlatt Kommentar vom 6.7.2007: Das tägliche Wunder in unserer Nachbarschaft - von Herbert Geyer

Es tut gut, zurückzublicken. Und sich einfach zu freuen

Wien (OTS) - An das Positive gewöhnen wir uns ja viel zu schnell. Was haben wir uns nicht 1989 gefreut, als der Eiserne Vorhang an unseren Ostgrenzen Risse bekam und in Berlin die Mauer fiel. Mit ungläubigem Staunen haben wir zugesehen, wie der unüberwindlich scheinende kommunistische Machtblock in sich zusammenfiel und neuen Demokratien Platz machte.

Als 15 Jahre später ein Grossteil der damals befreiten Länder der EU beitrat, war die Freude im Westen nicht mehr so grenzenlos: Da dominierten schon die Ängste - Ängste vor dem Export von Arbeitsplätzen, dem Import von Kriminellen und vor der blossen Tatsache, dass all diese Fremden, die der Eiserne Vorhang von uns ferngehalten hatte, jetzt wie selbstverständlich in unseren Städten ein- und ausgehen.

Dass es gerade erst drei Jahre her war, seit die ersten acht ehemals kommunistischen Länder der EU beigetreten sind, haben die wenigsten von uns überhaupt noch registriert. Jetzt müssen wir uns ja über die Tschechen ärgern, die kein Verständnis für unsere Atom-ängste haben, und über die Polen, die unsere EU-Institutionen blockieren.

Es ist dem WIIW, dem auf Osteuropa spezialisierten Wirtschafts-forschungsinstitut, zu danken, dass es uns anlässlich seiner jüngsten Konjunkturprognose für diesen Wirtschaftsraum (siehe Seite 12) an dieses kleine Wunder erinnert. Und an das fast noch grössere Wunder, das sich seither tagtäglich ereignet: Die Wirtschaft in unseren Nachbarländern prosperiert und entwickelt so viel Dynamik, dass sie auch den Westen mit sich zieht, obwohl die USA gerade eine Schwächephase durchmachen. Die Arbeitslosigkeit sinkt allenthalben, das Wohlstandsgefälle nimmt ab, die ehemaligen Habenichtse mit ihren sprichwörtlichen Ostblock-Outfits beginnen, ein wenig Wohlstand aufzubauen.

Zu alledem kommt auch ein Mehr an politischer Stabilität: In Ungarn und Estland wurden - erstmals überhaupt seit der Befreiung -Regierungen nach Wahlen wiederbestellt. Und die Gefahr, dass extremistische Strömungen die Macht übernehmen, ist nicht mehr viel grösser als im Westen auch.

Und wenn sich nicht ein leicht paranoider Innenminister durchsetzt, der wegen drei Wochen Fussball-EM am liebsten ein ganzes Jahr lang die Grenzen dicht machen möchte, fallen 2008 am ehemaligen Eisernen Vorhang auch die letzten Grenzkontrollen.

Ja - wir gewöhnen uns viel zu schnell an das Positive. Da tut es manchmal gut, innezuhalten und zurückzublicken. Und sich schlicht zu freuen.

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