Wehsely/Bittner: Gesundheitliche Versorgung Wohnungsloser

"Team Neunerhausarzt" und FEM bieten aufsuchende Gesundheitsversorgung

Wien (OTS) - "Wohnungslosigkeit bedeutet ein Leben unter großem physischen und psychischen Druck. Die Stadt Wien und die Wiener Gebietskrankenkasse setzen daher auf Gesundheitsangebote, die auf die besonders schwierigen Lebensbedingungen von Wohnungslosen zugeschnitten sind", erklärten die Wiener Gesundheits- und Sozialstadträtin Mag.a Sonja Wehsely und Franz Bittner, Obmann der Wiener Gebietskrankenkasse, am Mittwoch in einem gemeinsamen Mediengespräch mit Mag. Markus Reiter, Geschäftsführer des Neunerhauses. Seit März 2006 betreut das Projekt "Team Neunerhausarzt" Wohnungslose in Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe medizinisch. Parallel dazu bietet das Frauengesundheitszentrum FEM umfassende psychologische und gynäkologische Betreuung für die weiblichen PatientInnen an. Das "Team Neunerhausarzt" wird zur Hälfte von der Wiener Gebietskrankenkasse gefördert, 30 Prozent werden seitens der Stadt Wien finanziert, 20 Prozent kommen vom Neunerhaus selbst. Die Projektarbeit des FEM wird zur Gänze von der Stadt Wien finanziert.

Als spezielles und umfassendes Hilfsangebot hat der Psychosoziale Dienst der Stadt Wien (PSD) zu derzeit insgesamt 17 Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe psychiatrische Liaisondienste eingerichtet. Ein weiteres Angebot ist der "Luisebus" der Caritas, der von Montag bis Freitag verschiedene Plätze in Wien, an denen sich obdachlose Frauen und Männer aufhalten, besucht. ÄrztInnen und ehrenamtliche HelferInnen bieten in dieser "mobilen Ordination" ihre medizinische Hilfe an.****

"Die meisten Wiener Wohnungslosen haben mit einem schlechten Gesundheitszustand zu kämpfen. Rein rechtlich stünde dem Gang zum Arzt nichts im Wege: Rund 70 Prozent der Wiener Wohnungslosen besitzen eine e-card, die restlichen 30 Prozent könnten mit den Krankenhilfescheinen der MA 15 ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen", so Bittner. Die Zugangsbarriere zu Gesundheitsdienstleistungen sei bei Wohnungslosen bislang auf einer anderen Ebene gelegen. "Hemmungen, am 'gewöhnlichen' Leben zu partizipieren, Angst vor Ablehnung oder ein zu schlechter Allgemeinzustand halten Betroffene oft vom Arztbesuch ab. Oberstes Gebot ist es, Gesundheitsangebote so zu organisieren, dass sie sozial benachteiligte Menschen erreichen. Mit dem 'Team Neunerhausarzt' wird eine Versorgungslücke geschlossen und jenen eine kontinuierliche medizinische Betreuung geboten, die nicht aus eigenem Antrieb zum Arzt gegangen wären", führte Bittner aus.

Reiter betonte, dass mit dem Angebot Wohnungslose soweit gestärkt werden sollten, dass sie wieder medizinische Dienstleistungen im regulären Versorgungssystem in Anspruch nehmen können. "Für uns ist es auch ein Erfolg, wenn Menschen nicht mehr von uns betreut werden müssen. Es geht uns darum, die Menschen in das bestehende Gesundheitssystem zurückführen. Auf Grund der schwierigen Lebensumstände benötigen Obdachlose alle körperlichen Ressourcen, um den Alltag zu bewältigen. Der eigenen Gesundheit widmen sie oft zuletzt Aufmerksamkeit. Die umfassende medizinische und psychologische Betreuung durch das 'Team Neunerhausarzt' und das FEM hilft dabei, die Lebensqualität wohnungsloser Menschen nachhaltig zu verbessern. Denn erst, wenn sie gesundheitlich wieder stabil sind, haben die Menschen Kraft, wieder andere wichtige Themen in Angriff zu nehmen, wie etwa die Suche nach einem Wohnplatz oder einer neuen Arbeit", betonte Reiter.

"Weibliche Wohnungslosigkeit ist weitgehend unsichtbar. Wohnungslose Frauen leben in prekären Wohnverhältnissen und gehen, um ein Dach über dem Kopf zu haben, Zweckgemeinschaften ein. Weibliche Wohnungslosigkeit ist geprägt von extremer Armut und Gewalterfahrungen. Mir geht es insbesondere darum, Frauen mit spezifischen Gesundheitsangeboten dort zu erreichen, wo sie leben, arbeiten und sich aufhalten. FEM arbeitet daran, diesen Frauen ihre Würde, Selbstachtung und ihr Körperbewusstsein zurück zu geben", so Wehsely.

"Team Neunerhausarzt" und Frauengesundheitszentrum FEM bieten aufsuchende Gesundheitsversorgung

Seit März 2006 suchen die vier AllgemeinmedizinerInnen des "Teams Neunerhausarzt" die BewohnerInnen von zehn "Sozial betreuten Dauerwohneinrichtungen" sowie Übergangswohneinrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe auf und betreuen diese medizinisch. Gleichzeitig stellt das Frauengesundheitszentrum FEM gynäkologische, psychosoziale, psychologische und therapeutische Angebote in sieben Einrichtungen der Wiener Wohnungslosenhilfe bereit. "Sowohl die ÄrztInnen als auch die klinischen und GesundheitspsychologInnen nehmen sich sehr viel Zeit für die PatientInnen, damit diese wieder Vertrauen in ihre gesundheitliche Versorgung gewinnen. ÄrztInnen und PsychologInnen suchen die PatientInnen regelmäßig in ihrem Zuhause auf, arbeiten eng mit den SozialarbeiterInnen vor Ort zusammen und vernetzen sich mit ExpertInnen", so Reiter.

Geschätzte 70 Prozent aller Obdachlosen sind mehrfach krank. PatientInnen haben im Durchschnitt fünf Krankheitsbilder, manche weisen sogar 15 Krankheitsbilder oder mehr auf. Zu den häufigsten Krankheiten gehören schwere Atemwegserkrankungen, Krankheiten des Bewegungsapparats, Erkrankungen der Verdauungsorgane und Herz-Kreislauferkrankungen. Zusätzlich leiden mindestens 45 Prozent der PatientInnen an psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Suchterkrankungen, Verhaltens- und Persönlichkeitsstörungen.

Wie dringend die medizinische Betreuung des "Teams Neunerhausarzt" benötigt wird, zeigt auch die Auswertung der PatientInnenstatistik nach einem Jahr Projektlaufzeit. Insgesamt wurden 661 Personen im Rahmen von 3.392 Konsultationen betreut.

FEM bietet frauenspezifische Gesundheitsarbeit an

Zwischen 20 und 25 Prozent der alleine auf der Straße stehenden Menschen sind Frauen. Sie sind innerhalb der Gruppe der sozial benachteiligten Personen eine noch stärker benachteiligte Gruppe, weil sie eine deutlich höhere Armutsgefährdung aufweisen, unter Mehrfachbelastungen leiden und nicht zuletzt wesentlich häufiger Gewalt ausgesetzt sind. Der Anteil an psychischen bzw. psychiatrischen Krankheitsbildern ist dem entsprechend enorm hoch. Die Behandlung und Beratung ist durch vielfältige Barrieren für wohnungslose Frauen schwierig. Trotzdem erreichte das Frauengesundheitszentrum FEM im ersten Projektjahr ein Drittel der Frauen, die in den Einrichtungen wohnen. Insgesamt fanden 746 Beratungen statt.

"Mir ist es ein wichtiges Anliegen, über das Wiener Programm für Frauengesundheit bestehende Barrieren zum Medizin- und Gesundheitssystem abzubauen, frauengerechte Strukturen zu fördern bzw. zu schaffen und die Anliegen und Bedürfnisse von Frauen in den Vordergrund zu rücken. Dabei wird besonderer Wert auf die Mitsprache betroffener Frauen bei der Planung und Umsetzung von Gesundheitsförderungsmaßnahmen, auf Empowerment und nicht zuletzt die Integration innovativer Projekte in bestehende Strukturen gelegt", so Wehsely abschließend. (Schluss) me

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