"Presse"-Kommentar: Die gescheiterte "Bagdadisierung" (von Josef Urschitz)

Ausgabe vom 2. Juli 2007

Wien (OTS) - Gegen die neue Terrorwelle hilft Polizei allein
wenig. Jetzt beginnt der Kampf um die "Köpfe und Herzen".
Es ist noch einmal gut gegangen: Die "Bagdadisierung" Londons und Glasgows durch (vermutlich) islamistische Terroristen ist am Wochenende gescheitert, drei versuchte Terroranschläge sind fehlgeschlagen. Aber Entwarnung gibt es nicht: Dass die britische Hauptstadt keinen "schwarzen Freitag" erlebt hat, ist eher dem Zufall und einer relativ dilettantischen Ausführung der Anschläge zu danken, als einem perfekt funktionierenden Sicherheitssystem. Großbritanniens neuer Premier Gordon Brown hat seine Landsleute denn auch auf eine längere Zeit des de facto-Ausnahmezustandes (wie es die höchste Terrorwarnstufe ja darstellt) vorbereitet. Und auch darauf, dass es jederzeit krachen kann. Nicht nur in Großbritannien übrigens, denn der Feldzug der islamistischen Fanatiker richtet sich ja prinzipiell nicht gegen einzelne Länder, sondern insgesamt gegen den "Westen" und dessen liberales Gesellschaftsmodell.
Nur: Was tun? Warten und hoffen, dass nichts geschieht? Brown hat in einer ersten Reaktion die Marschroute abgesteckt: Man müsse auf die langfristige Bedrohung durch Terrornetzwerke auf vielfältige Weise reagieren. Militärisch, durch Sicherungsmaßnahmen, mit der Polizei, dem Geheimdienst, aber auch mit einem "Kampf um die Köpfe und Herzen" der Menschen.
Letzteres scheint der Schlüssel zu sein. Denn dass der Krieg gegen den Terror militärisch allein nicht zu gewinnen ist, bezweifelt ja kaum noch jemand. Zumindest so lange, als islamistische Terroristen in allen westlichen Gesellschaften ein Biotop vorfinden, in dem sie relativ frei agieren können. Ganz nach dem Motto des historischen Massenmörders Mao, wonach sich der "Revolutionär" im Volk bewegen können müsse "wie der Fisch im Wasser".
Wenn also Fanatikerzirkel mitten in "Londonistan", in Liverpool, in Hamburg, aber wohl auch in Wien ganz ungestört ihren Kalifats- und Jihad-Fantasien nachhängen und offenbar auch die Umsetzung dieser Fantasien konkret planen können, ohne dass dies (außer, wenn es wieder einmal gekracht hat) auffällt, dann ist das das eigentlich alarmierende an der ganzen Terror-Geschichte. Hier ist anzusetzen und hier liegen auch die größten Defizite.
Brown hat gesagt, Großbritannien werde sich nicht beugen, nicht einschüchtern lassen und es "niemandem erlauben, die britische Lebensweise zu untergraben". Zumal ja nur ein sehr, sehr kleiner Teil der Muslime extremistisch sei und die Religion durch Anwendung von Gewalt pervertiere.
Das stimmt. In Großbritannien ebenso wie in Österreich. Aber: Die muslimischen Organisationen in Westeuropa werden eben auch irgendwann Farbe bekennen müssen. Schweigen zu oder gar klammheimliche Freude über terroristische Aktionen sind in Wahrheit Unterstützung derselben. Wenn Bomben krachen, gibt es keine Neutralität. Man wünscht sich gegen explodierende Autos zumindest ebenso scharfe Stellungnahmen wie gegen schlechte dänische Karikaturen. Es müssen dabei ja nicht gleich Ahmadinejad-Puppen oder grüne Fahnen brennen. Und die vielen linken und rechten Amerika-Hasser werden sich fragen müssen, ob das Motto "der Feind meines Feindes ist mein Freund" wirklich ein tragfähiges Konzept ist. Und ob es für Intellektualität spricht, wenn Toleranz so ausgelegt wird, dass totalitäre Ideologien wie der grassierende Islamismus als bereichernde Folklore von Zuwanderern verharmlost wird.
Wenn der Kampf gegen den Terror erfolgreich sein soll, dann wird man versuchen müssen, mit der überwiegenden "stillen" Mehrheit der Muslime in Westeuropa zu einem integrativen Kompromiss zu kommen. Was von beiden Seiten beträchtliche Anstrengungen erfordern wird. Dann wird man aber auch versuchen müssen, sich vom kleinen Rest, der von der islamistischen Weltherrschaft träumt, zu trennen. Denn wer glaubt, Intoleranz durch Toleranz besiegen zu können, dem sei das Studium der Geschichte empfohlen. Oder die Lektüre des unverdienterweise ein wenig in Vergessenheit geratenen Max Frisch-Werks "Biedermann und die Brandstifter".
In den ersten Stunden und Tagen nach den versuchten Anschlägen haben die Briten das Brown-Konzept mustergültig umgesetzt: Trotz hoher Sicherheitsvorkehrugen ist das Leben in London relativ unhysterisch weitergegangen, keine einzige der geplanten Großveranstaltungen wurde abgesagt. Eine klare Niederlage für die Terroristen also. Und genau das ist der einzig erfolgversprechende Weg: Unaufgeregt, aber konsequent in der Sache.

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