Urbanisierung als Chance - Das Pozential wachsender Städte nutzen

Wien (OTS) - PK Österreichische Gesellschaft für Familienplanung (ÖGF) am 27.6., 08:30 Uhr anl. Präsentation des diesjährigen Weltbevölkerungsberichtes des United Nations Population Fund (UNFPA)

Siri Tellier
Liaison Büro der UNFPA Genf

Petra Bayr
NR-Abgeordnete und entwicklungspolitische Sprecherin der Sozialdemokratischen Partei

Sivia Fuhrmann
NR-Abgeordnete und Jugendsprecherin der ÖVP

Karl Öllinger
NR-Abgeordneter und Sozialsprecher der Grünen

Zeitpunkt: 27.6.2007 8.30 Uhr
Ort: Café Landtmann, Biedermeierzimmer

Kurzinformation

Tempo und Ausmaß des urbanen Wachstums verlangen eine Revolution im Denken

Von der Menschheit wird eine Revolution im Denken verlangt, um die Verdoppelung der urbanen Bevölkerung in Afrika und Asien bis zum Jahr 2030 bewältigen zu können. 60% der Weltbevölkerung - 5 Mrd. Menschen - werden dann in Städten wohnen. Im heute präsentierten Weltbevölkerungsbericht 2007 "Urbanisierung als Chance: Das Potential wachsender Städte nutzen" stellt der UNFPA (Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen) fest, dass die Bevölkerung in afrikanischen und asiatischen Städten um 1,7 Mrd. Menschen zunehmen und die gemeinsame Bevölkerung Chinas und der USA übertreffen wird. Vor allem das Wirtschaftswachstum braucht die Urbanität und Städte werden und sind ein Tor der Hoffnung, aber auch ein Hort der Armut.

Siri Tellier vom UNFPA-Büro Genf sagt: "Was in den Städten passiert, wird unsere Zukunft prägen. Unsere Abneigung gegenüber der Urbanisierung ist falsch und in einer gemeinsamen, globalen Anstrengung müssen wir den Städten helfen, die damit verbundenen Chancen des ökonomischen Wachstum zu nützen, aber auch die entstehenden sozialen Probleme zu lösen."

Städte haben wichtige Vorteile im wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen und demographischen Bereich:

  • Sie können die Globalisierung nutzen und Arbeitsplätze und Einkommen schaffen
  • Durch Konzentration können sie kostengünstiger Dienstleistungen wie Bildung und medizinische Versorgung bereitstellen
  • Sie saugen Bevölkerung aus den ländlichen Gebieten ab und verhindern so breite ökologische Schäden, belasten die Umwelt aber selbst stärker, Stadtplanung kann versuchen dies zu minimieren
  • Fertilität sinkt ab, da das Recht auf reproduktive Gesundheit und Familienplanung besser wahrgenommen werden kann

Damit Städte diese Vorteile nutzen, müssen sie auf das kommende Wachstum vorbereitet sein. "Wenn Politiker und Planer nur abwarten, wird es zu spät sein", meint Tellier. "Diese Urbanisierungswelle ist wie keine Vorhergehende. Sie kommt zu rasch und ist zu groß, um mit simplem Reagieren bewältigt zu werden. In Afrika und Asien wächst die Stadtbevölkerung derzeit mit 1 Million pro Woche. Voraussicht und rasche Aktionen sind verlangt, um die Chancen der Urbanisierung wahrzunehmen."

Laut dem Berichts werden 2008 mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung (derzeit 6,7 Mrd.) in Städten leben. Obwohl die Bevölkerungszahl der Megastädte (über 10 Mio. Einwohner) weiter zunimmt (etwa 3%), werden die meisten Menschen in Orten unter 500.000 Einwohnern leben, die schlecht für diese neuen Herausforderungen gerüstet sind. Ihre Management- und Planungsressourcen sind gering, sie werden mit enormen Infrastrukturproblemen konfrontiert sein, aber können rascher reagieren.

Durch dieses künftige Wachstum der Städte werden sich die seit Jahrtausenden üblichen Siedlungsformen verändern. Urbanisierung kann nicht verhindert werden, ist aber - wie wir aus der Geschichte der Industrialisierung Europas wissen - Auslöser eines signifikanten Wirtschaftswachstums. Die Mehrheit der neuen Stadtbewohner/innen wird arm sein. Ihr Bedarf an Wohnungen, Schulen, Arbeit und Gesundheitseinrichtungen muss berücksichtigt werden, damit sie an der Entwicklung teilhaben können. Gleichzeitig müssen Politiker und Planer versuchen, den ökologischen Fußabdruck durch Steuerung der Flächennutzung zu reduzieren.

"Der Kampf um die Halbierung der Armut bis 2015 (eines der Milleniumentwicklungsziele, die von den Regierungschefs der Welt 2000 beschlossen wurden) wird in den Städten gewonnen oder verloren", sagt die UNFPA-Sprecherin Tellier.

Bis jetzt haben Regierungen, national und regional, ihre Energie darauf verschwendet, Migration zu entmutigen, zu verhindern und arme Landflüchtlinge in ihre Herkunftsgegenden zurückzuschicken. Diese Politik ist falsch und fördert nur die weitere Entstehung von Slums und die damit verbundenen sozialen, gesundheitlichen und Umweltprobleme. Es muss Priorität von Stadtregierungen und Planern sein, den städtischen Armen aufgeschlossene Grundstücke (Wasser, Elektrizität, Kanal, Müllabfuhr) legal zugänglich zu machen und für sie Schulen und Gesundheitsversorgung bereitzustellen.

60% des städtischen Wachstums wird durch natürliche Zunahme (Überschuss der Geburten über die Todesfälle) verursacht werden und überwiegend bedingt durch die Fruchtbarkeit der armen Stadtbevölkerung; der Rest durch Migration und durch Aufwertung von ländlichen zu städtischen Gebieten. Die einzige Möglichkeit das Städtewachstum zu reduzieren liegt in Interventionen im Bereich der Armutsbekämpfung, dem Empowerment der Frauen, Bildung speziell von Frauen und Mädchen und Angeboten von Gesundheitsdiensten insbesondere jene der reproduktiven Gesundheit und Familienplanung.

Politiker und Planer sind deshalb gefordert das Potenzial der Städte zu nützen, um unser aller Leben zu verbessern, indem sie

  • Den Wunsch von Armen auf Leben in der Stadt akzeptieren und daher mit Organisationen der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten
  • Eine breite und langfristige Vision über die Verwendung des städtischen Raums entwickeln. Dies inkludiert die Bereitstellung von aufgeschlossenem Siedlungsraum aber auch die Planung nachhaltiger Landverwendung sowohl in Städten wie auch in deren Umgebung.
  • Gemeinsam eine international koordinierte Anstrengung unternehmen, um Strategien für die Zukunft zu unterstützen.

Fakten

In 2008 3,3 Mrd. (Hälfte der Weltbevölkerung) lebt in städtischen Gebieten, 2030 werden es 4,9 Mrd. sein.

In den 20 Megastädten (10 Mio. Einwohner und mehr) leben 4% der Weltbevölkerung und 9% der städtischen Bevölkerung, ihre Bevölkerung hat sich seit 1950 verfünffacht. Im Jahr 2030 werden 60% der Stadtbewohner unter 18 Jahre alt sein.

2005 lebten 77% der lateinamerikanischen Bevölkerung in Städten mit mehr als 20.000 Einwohnern, 38% der afrikanischen und 40% der asiatischen Bevölkerung leben in urbanen Gebieten.

37% der Weltbevölkerung leben in Indien und China. In 2030 werden 40,7% (jetzt 30%) der indischen Bevölkerung in Städten leben. Die chinesische städtische Bevölkerung wird auf 870 Mio. steigen, 83 Städte werden 750.000 Einwohner. haben, aber nur 6 werden größer als 6 Mio. Pro Jahr zieht es 18 Mio. Chinesen/innen in die Städte.

Jeder dritte Stadtbewohner, ein Sechstel der Weltbevölkerung etwa 1 Mrd. Menschen, lebt in Slums. In Südamerika haben nur 33,6% der Slumbewohner Zugang zu Toiletten mit Wasserspülung. In Bangladesch, Kolumbien, Indien und Pakistan sind Slumbewohnerinnen um 30 bis 50% weniger alphabetisiert als ihre begüterten Schwestern.

Von 50 Mio. Arbeitenden in der Exportwirtschaft sind 80% Frauen.

Nur 16% der Abgeordneten in Asien und Afrika sind weiblich und nur 9% der arabischen Frauen gehören nationalen Parlamenten an. In Österreich beträgt die Zahl der weiblichen Abgeordneten 59, das sind 31,89%. Durch Migration vom Land in die Städte wird die Armutsquote etwa um 10% gesenkt.

Zwischen 2000 und 2030 wird die Bevölkerung der Städte um 72% wachsen, die bebaute Fläche von Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern wird um 175% zunehmen.

Alle städtischen Gebiete (inkl. Grünflächen), in denen die Hälfte der Weltbevölkerung lebt, nehmen 2,6% der gesamten Erdmasse ein. 3,3 Mrd. Menschen (die städtische Bevölkerung) leben auf einem Gebiet, das etwas kleiner als Japan (377.708 km2 ) ist.

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Mag. Elisabeth Pracht
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