"Kleine Zeitung" Kommentar: "Requiem der Gerechten" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 17.06.2007

Graz (OTS) - Den Tod vor Augen, hat sich Kurt Waldheim noch einmal an seine Gegner gewandt und hat sie gebeten, sich mit ihm auszusöhnen. Es war der Appell eines Sterbenskranken, all jene, die ihn ächteten, zu einer Revision ihres Urteils zu bewegen; nicht, um es aufzuheben und die Fehler zu unterschlagen, sondern um dem Urteil das Unerbittliche zu nehmen, vor allem: das Zerrbild des Lebenslügners, der für das Schlechte und Verwerfliche einer Generation, ja eines ganzen Landes stehe.

Gegen dieses Kainsmal hat sich der Hinscheidende noch einmal aufgebäumt. Im Duktus christlicher Feindesliebe hat sich Waldheim seinen Kritikern erklärt, hat an die existenzielle Bedrängnis im Sog der weltweiten, falsifizierten Anschuldigungen erinnert, die ihm die Kraft und Souveränität nahmen, klare, unmissverständliche Worte zu finden.

Das falsche von der "Pflichterfüllung" ermöglichte es den Schuldigsprechern, die Gewichte der Anklage nahtlos zu verlagern. Als die Historiker die Vorwürfe weitgehend entkräfteteten, verbiss man sich eben in die unzulängliche Rechtfertigung des Gehetzten:

Dann war er halt nicht das Nazi-Monster, sondern der Nazi-Verniedlicher, pars pro toto, der Mythos, die Inkarnation. So musste man den Rufmord nie einbekennen, bis heute nicht. Auch hier liegt also Verdrängung vor. Auch hier haben wir es mit unaufgearbeiteter Vergangenheit zu tun. Auch hier herrscht Unlust, die eigene Rolle zu hinterfragen.

Das gilt für die ÖVP, die zuließ, dass übler Antisemitismus die Solidarisierung unterspülte. Und das gilt erst recht für die SPÖ, die Waldheim hochgehen ließ, weil die Öffentlichkeit "ein Recht habe, über die braune Vergangenheit Waldheims informiert zu werden". Wenn man jetzt den toten Waldheim als "großen Österreicher" würdigt, dann liegt schlechtenfalls Heuchelei vor und günstigenfalls kompensatorische Scham.

Den wahrhaft Selbstgerechten ist selbst dieses Gefühl fremd. Die Todesnachricht war kaum abgesetzt, da saßen sie bereits im Fernsehen zu Gericht, repetierten ihre Stereotypen (der Verfemte, der mit seiner Schlechtigkeit das Land unfreiwillig reinigte) und vergewisserten sich ihrer moralischen Überlegenheit von einst. Kein Selbstzweifel trübte das Requiem der Gnadenlosen.

Sogar das entlastende Urteil der Historikerkommission richtete sich in den Nachrufen gegen den Toten: Ihm habe eben auch für einen Bösen das Format gefehlt, schrieb die Süddeutsche und goss Spott in den Sarg. Für diese Form von Verachtung gibt es keine Heilung. Der Tod ist da keine Sperrgrenze. Solche Leute versöhnen sich nicht, nur mit sich selbst. ****

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