ÖSTERREICH Kommentar: Harte Jahre, die vieles änderten (von Claus Reitan)

Die Jahre unter Bundespräsident Kurt Waldheim (1986-1992) haben Österreich verändert. Und Lektionen erteilt.

Wien (OTS) - Mit der Weisheit des Rückblicks hätte Kurt Waldheim einiges anders gemacht und anders gesagt. Wer ihn kannte, wusste dies. Wer ihn nicht kannte, möge dies im Vermächtnis nachlesen. Jetzt, da aus der Feder Waldheims eine bewegende Lebensbilanz inklusive Läuterung vorliegt, wird manches Urteil wahrscheinlich anders ausfallen.

Unverändert bleibt, dass die enorm harte Auseinandersetzung um diese tragische Person in den achtziger Jahren Österreich tief und nachhaltig verändert hat. Stärker, als erste Rückblicke auf die Waldheim-Jahre vermuten lassen.

Die tiefen Gräben zwischen Waldheims Freunden und Feinden verlaufen heute noch quer durch das Land. Sie lassen erkennen, mit welcher Vehemenz, mit welcher Wucht und Wut vor zwei Jahrzehnten von den politischen Lagern die Wahlschlacht um die Hofburg geführt wurde. Als Ergebnis haben die Sozialdemokraten 1986 den Bundespräsidenten an die Volkspartei verloren. Das nahmen sie ähnlich fassungslos zur Kenntnis wie Waldheim zuvor die kritischen Fragen zu seiner Kriegsvergangenheit. Auf diese waren weder der Mann noch sein Wahlkampfteam vorbereitet.

Die Selbstgefälligkeit des UNO-Diplomaten und seiner Berater verstellte ihnen den Blick auf neue Wirklichkeiten im Umgang mit NS-Zeit und Krieg. Und auf die persönlichen Attacken war Waldheim einfach nicht vorbereitet. Seine Naivität über das Wesen des politischen Kampfes behinderte die Professionalität in der Abwehr von Attacken. Und erst spät in Waldheims Leben machte die Einsicht, wie mit dem Begriff von der Pflicht aufgeklärt zu verfahren ist, der Die Republik Österreich zahlte für beides, den Wahlkampf gegen Waldheim und seinen trotzig errungen Sieg, einen hohen Preis.
Dazu gehörten: Eine isolierte Staatsspitze, eine Gesellschaft in Bürgerkriegsstimmung, Spaltung der Familien und Generationen sowie die widerwärtige Konfrontation unbeteiligter Österreicher im Ausland, eigentlich ein Nazi zu sein.

Die positiven Folgen, namentlich die kritische Befassung mit der jüngeren Geschichte, mildern das erlittene Ungemach für den Einzelnen wie für das Ganze. Und lassen auf Gewinn an Erfahrung hoffen.

Die Republik und ihre Politik schlitterten 1986 in eine Art Ausnahmezustand. Franz Vranitzky wäre ohne den geschwächten Präsidenten in der Hofburg kaum ein so starker Kanzler geworden, der seiner Sozialdemokratie das Ja zu Europa abverlangen konnte.

Was bleibt? Der öffentliche und politische Umgang mit Waldheim war stets von einem Kalkül überschattet, von mancher Lüge begleitet. Und von Heftigkeit, ja Emotionalität. Das hat vielleicht dem Einzelnen, insbesondere dem Gegner, Erleichterung verschafft, aber der Sache Österreich keinen Dienst erwiesen. Auch diese Lektion sollte man gelernt haben.

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