OÖN-Kommentar von Gerald Mandlbauer: Eine Narretei ob der Enns?

Oberösterreichische Nachrichten vom 16. Juni 2007

Linz (OTS) - Um als Oberösterreicher exkommuniziert zu werden, brauchen Sie morgen Sonntag auf einem beliebigen Mühlviertler Kirchplatz nur Folgendes zu behaupten: Temelin ist eine Tatsache, mit der wir leben müssen. Der Widerstand dagegen verursacht Nachbarschafts-Streit ohne Sicherheitsgewinn.
Dieses Eingeständnis kommt zwar der Wirklichkeit ziemlich nahe, widerspricht allerdings der zum Landes-Mantra erhobenen Behauptung:
Wir müssen gegen Temelin kämpfen, die Chance auf Stilllegung muss leben.
Auf dieser Illusion einer möglichen Nullvariante ist Temelin zur Metapher für den Kampf gegen die Atomkraft an sich geworden. Die Grundprinzipien des Protestes sind folgende: Unterlasse Versuche, sich in den Nachbarn zu versetzen. Mach aus jedem Störfall einen großen. Jage böse Depeschen von Wien nach Prag, von Linz nach Budweis, obwohl du weißt, dass sie nichts bewirken. Diese Rituale sind festgefahren, ohne dass sie etwas zu ändern vermögen. Die Idealisten blockieren Grenzen, wahrscheinlich solange, bis sie keine kontrollierte Grenze mehr zu blockieren vorfinden (Schengen soll ab 2008 wirksam sein). Oberösterreich leistet sich einen Temelin-"Experten", dessen Wirkung darin besteht, dass er den Nachbarn zur Weißglut treibt. Und unbeirrt davon läuft das Kraftwerk und läuft und läuft. "Narretei ob der Enns", titeln internationale Medien.
Nutzen und Schaden dieser Form des Widerstandes gehören endlich abgewogen, soll nicht heißen, die Gefahren der Atomkraft und Temelins im Besonderen zu verkennen. Die Temelin-Gegner sind keine Deppen (wie Karl Schwarzenberg meint). Dies gerade in dieser Zeitung betont, die seit Jahrzehnten atomkritisch schreibt.
Auch wir sehnen den Tag herbei, an dem Temelin nicht mehr laufen wird. Leider scheint er fern zu sein. Aber genauso wünschen wir uns, dass Bewohner beider Länder sich als Freunde treffen können, ohne sich wegen eines Kraftwerks zu befetzen. Ein Eiserner Vorhang in der böhmisch-österreichischen Geschichte, die nicht unbelastet ist, war genug, wir brauchen keinen zweiten, der durch unsere Köpfe verläuft.

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