Andreas Unterbergers Tagebuch

Die Rechtsstaat-Probe

Wien (OTS) - Die Rechtsstaat-Probe

Die einstigen Waldheim-Jäger haben sich nun auf eine seltsame Argumentation zurückgezogen: Die Vorwürfe gegen den Verstorbenen waren unrichtig, übertrieben und teilweise sogar erfunden - aber die ganze Kampagne war dennoch absolut richtig und notwendig, um eine moralische Katharsis der verkommenen Österreicher einzuläuten. Der aggressivste Rufmord der Nachkriegsgeschichte war also offenbar aus moralischen Gründen notwendig. Als ob aus Unmoral jemals Moral entstehen könnte.

Noch eine Fußnote zu Waldheims Satz von der Pflichterfüllung als deutscher Soldat. Dieser war problematisch, weil er offen lässt, in welcher Weise das Wort "Pflicht" verstanden wird: Als innere Verpflichtung und sittlicher Auftrag - oder aber als Pflicht im Sinne von Zwang, dem man sich ohne Lebensgefahr nicht entziehen kann.

Der Eifer, mit dem dieses Zitat Waldheims immer wieder zitiert wird, kontrastiert aber jedenfalls scharf zu der absoluten Reaktionslosigkeit in Hinblick auf den gleichen Satz des einstigen deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Dieser hat ihn nicht nur in einem Interview verwendet (wie Helmut Zilk angemerkt hat), sondern auch in einem Buch. Also in einem Text, wo man jedes Wort vor der Drucklegung zehnmal in Ruhe überdenken kann. Der Unterschied in der Reaktion beweist wohl ein großes Maß an moralistischer Heuchelei.

Nun hat sich die russische Regierung voll hinter den erwischten Spion gestellt - obwohl dieser nicht, wie sonst üblich, als Diplomat getarnt war. Damit hat sich Moskau indirekt zu dessen Taten bekannt, denn bei sonstigen Delikten ihrer Bürger versuchen Regierungen keineswegs, Druck auf die hiesige Justiz auszuüben. Damit steht aber auch der österreichische Rechtsstaat vor einer interessanten Bewährungsprobe. Wird der neugierige Mann (wie immer gilt die berühmte Unschuldsvermutung) wie jeder andere behandelt? Oder wird er bald wieder heimreisen - weil man sich mit Russland doch nicht anlegt; weil man die schönen Geschäfte des Herrn Deripaska nicht stören will; weil man Angst hat, dass der Gashahn abgedreht wird; weil die Politik weitere schöne Bilder mit dem feschen Wladimir Putin haben will?

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