Erntebeginn in Österreich vor Hintergrund globaler Preisrallye

US-Agrarressort: Welt-Weizenreserven schmelzen auf Zweimonats-Verbrauch ab

Wien (AIZ) - Vor dem Hintergrund einer globalen Preisrallye bei Getreide wegen ständig sinkender Ernteerwartungen und enger Versorgungsbilanzen startete in den Frühdruschgebieten auf leichten Böden im Burgenland und im Wiener Becken sowie auch schon auf einigen oberösterreichischen Standorten Ende der vorigen Woche die Getreideernte in Österreich - so früh wie noch nie, wie Agrarier feststellen. Die Preisbildung für die neue Ernte sorgt derweilen für Hochspannung. Die allgemein geäußerte Frage lautet: "Wohin und wie weit geht die Rallye der internationalen Notierungen?" Experten beruhigen zwar, dass um die Versorgung des heimischen Marktes mit Brotweizen keine Sorge angebracht sei und auch die Ethanolschiene mit vernünftigen Rohstoffmengen versorgt werden könne. Zurzeit aber tätigt noch niemand Abschlüsse aus der Ernte 2007, weil eine Preisfestlegung von Abgebern wie Abnehmern noch als zu sehr mit Risiko behaftet angesehen wird. Auch habe laut Marktteilnehmern der Markt mit physischer Ware das historische Hoch der europäischen Weizenfutures an der Pariser Warenterminbörse MATIF noch nicht nachvollzogen.

Die sich schon seit Wochen abzeichnende Rallye der Getreidepreise an den internationalen Leitbörsen - die Warenterminbörsen Chicago Board of Trade (CBOT) für den Weltmarkt und MATIF in Paris für Europa - erhielt am Montag dieser Woche durch die aktuelle globale Ernteschätzung des US-Landwirtschaftsministeriums USDA weiteren Zündstoff. Die USDA-Ernteprognosen gelten als Barometer für die Stimmung an den den Weltmarkt bestimmenden Rohstoffbörsen.

USDA: Welt-Weizenreserven schmelzen 2007/08 auf Zweimonats-Verbrauch ab

Das USDA schätzt nun die Welt-Weizenernte 2007/08 auf 610 Mio. t und damit um 6,7 Mio. t geringer als noch im Vormonat. Verantwortlich dafür sind vor allem deutliche Rückgänge der Ernterwartungen in Osteuropa, Russland und der Ukraine. Obgleich der weltweite Verbrauch von Weizen 2007/08 auf 620 Mio. t sinken soll, sieht das USDA die Lagerbestände zum Ende des Wirtschaftsjahres bei nur 112 Mio. t. Dies wären mit rund 8% weniger als im Vorjahr die niedrigsten Bestände seit 30 Jahren. Die Welt-Weizenreserven würden damit praktisch auf den Verbrauch von zwei Monaten abschmelzen.

US-Börsen reagieren mit Kursfeuerwerk

Nach Angaben der EU-Kommission im Verwaltungsausschuss Getreide diesen Donnerstag in Brüssel stieg daraufhin im Wochenabstand an den US-Börsen der Preis für die nordamerikanische Weizenstandard-Qualität soft red winter um knapp USD 14,- (EUR 10,52) pro t auf USD 210,52 (EUR 158,15) pro t fob Golf. Die höhere Qualität hard red winter verteuerte sich um USD 22,50 (EUR 16,90) pro t auf USD 233,61 (EUR 175,50) pro t fob Golf. Händler aus den USA sollen 60.000 t soft red winter zu USD 270,- (EUR 202,84) pro t cif verkauft haben. Die US-Weizenpreise zögen auch deshalb so stark an, weil ungünstiges Erntewetter mit Regen im sogenannten wheat-belt der USA das Einbringen verzögere und die Qualität beeinträchtige.

Strategie Grains reduziert Ernteerwartung der EU: Kein Überschuss, aber auch kein Defizit

Später in dieser Woche reduzierte auch der französische Analyst Strategie Grains seine Ernteprognose für die EU gegenüber dem Mai neuerlich um mehr als 3 Mio. t auf 276,5 Mio. t nach unten. Im Mai wurden noch 279,6 Mio. t erwartet und im April 284,6 Mio. t Dennoch solle die Getreideernte der Union 2007 die des Jahres 2006 von 261,6 Mio. t noch um 6% übertreffen. Alleine die Aussichten für die Weizenernte reduzierte Strategie Grains im Monatsabstand wegen der Trockenheit in Italien und den neuen EU-Ländern von Ungarn und Tschechien bis Bulgarien und Rumänien um 2,6 Mio. t auf 121,8 Mio. t (2006: 116,8 Mio. t).

"Auf EU-Ebene besteht kein Überschuss", so die Schlussfolgerungen der französischen Experten, "aber bis jetzt auch kein Defizit, weil die Preise stark angestiegen sind und den Bedarf gebremst haben". Im Gegensatz zu den USA, wo wenig Weizen im Futtertrog landet, reagiert der Weizenverbrauch in der EU auf Preissprünge elastisch und Preissteigerungen lassen die Futtermittelindustrie nach Substituten für den Weizen in ihren Mischungsrezepturen umsehen. Angesichts der engen globalen Weizenbilanz werde die EU 2007/08 laut Strategie Grains aber auch alle rund 9,5 Mio. t Exportpotenzial zur Versorgung des Weltmarktes ausschöpfen müssen.

MATIF-Paris: Weizenfutures erreichen historisches Hoch von EUR 178,25 pro t

Im Sog der CBOT und der EU-eigenen Ernteerwartungen erreichten diese Woche die Weizenfutures an der Pariser MATIF über Tage hinweg ihren historischen Höchststand seit ihrer Markteinführung vor etwa zehn Jahren. Der für die Preisbildung der neuen Ernte 2007 bestimmende Weizenfuture zur Erfüllung im November 2007 kletterte gestern, Donnerstag, auf EUR 178,25 pro t. Damit zogen die französischen Weizenfutures seit Anfang April um etwa 30% und allein im letzten Monat um fast 15% an.

Experten beruhigen: Kein Killer-Wettbewerb Brotweizen gegen Energieweizen

Trotz der weltweit engen Versorgungslage stellen namhafte Experten und Marktbeteiligte einen Killer-Wettbewerb zwischen Brotweizen und Energieweizen und eine dadurch ausgelöste ungebührliche Belastung der Verbraucher mit höheren Lebensmittelpreisen vehement in Abrede: So sagte der Präsident des Welt-Landwirteverbandes IFAP Jack Wilkinson (Kanada) kürzlich am Rand einer Tagung in Wien auf Anfrage des AIZ, er sehe im zunehmenden Wert agrarischer Rohstoffe nach einem jahrzehntelangen Preisverfall einen positiven Anreiz für die Landwirtschaft global, ehedem wegen mangelnder Rentabilität stillgelegte Produktionsressourcen wieder anzuwerfen. Diese wirtschaftliche Motivation werde es der Landwirtschaft ermöglichen, die weltweit wachsende Nachfrage sowohl nach Nahrungsmitteln als auch nach Rohstoffen für die Energiegewinnung ohne weiteres decken zu können.

Selbst einen Grund für eine Armutsdebatte in Entwicklungsländern sieht die Landwirtschaft nicht. Wilkinson: In zahlreichen Ländern der Dritten Welt lebe der überwiegende Teil der Bevölkerung - zwei Drittel und mehr - außerhalb der Städte und sei von landwirtschaftlicher Tätigkeit abhängig. Gerade die Unwirtschaftlichkeit der Landwirtschaft wegen niedriger Preise habe eine Landflucht und zur Slumbildung in vielen Städten geführt, steigende Erzeugerpreise und zunehmende landwirtschaftliche Beschäftigungsmöglichkeiten trügen daher sogar zur Linderung der sozialen Probleme in diesen Ländern bei.

Zahlreiche Landwirteverbände in den Industrieländern bekräftigen auch immer wieder, dass die Erzeugererlöse für landwirtschaftliche Rohstoffe - etwa im Falle von Brot und Gebäck - oft nur Größenordnungen im einstelligen Prozentbereich an den Endverbraucherpreisen verarbeiteter Lebensmittel ausmachen.

Weltweit können mehr als 8 Mrd. ha aufgegebenes Agrarland wieder bewirtschaftet werden

Der Chefberater für Erneuerbare Energie des britischen Bauernverbandes NFU, Jonathan Scurlock, wurde gestern von Dow Jones auf einer Getreidekonferenz in Cambridgeshire in diesem Sinne mit der Analyse zitiert, "die Welt hat keinen Mangel an landwirtschaftlichen Kapazitäten, es mangelt der Welt an Investitionen in der Landwirtschaft". Laut UN-Studien verfüge der Globus über mehr als 10 Mrd. ha aufgegebenes Agrarland, wovon rund 80% wieder in die Produktion zurückgeführt werden könnten - der Großteil davon in Afrika. Bioenergieerzeugung sei daher das Beste, was der Landwirtschaft weltweit passieren könne, so ein anderer Teilnehmer, Richard Whitlock.

1,9% des EU-Getreidekonsums für Bioethanolherstellung

Laut Reuters sagte diese Woche der Rohstoffmanager des größten europäischen und fünftgrößten Ethanolherstellers der USA, Ignacio Canaveral von Abengoa Bioenergie (ABG.MC, 746 Mio. l Jahresausstoß Bioethanol), er rechne in zwei bis drei Jahren mit einer Beruhigung der auch spekulativ überhitzten agrarischen Rohstoffmärkte. Die Preise seien zurzeit übertrieben und entsprächen nicht den fundamentalen realen Marktverhältnissen. Seine Gesellschaft werde deshalb aus Nachhaltigkeitsüberlegungen weiterhin die Bioethanolherstellung forcieren. Die Ethanolherstellung in der EU komme nur für ganze 1,9% des gesamten Getreidekonsums der EU auf. (Schluss) pos/mö

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