"Die Presse" Leitartikel: "Die Anti-G8-Popstars kümmert die Armut nicht" (von Franz Schellhorn)

Ausgabe vom 6.6.2007

Wien (OTS) - "Die Globalisierung nützt nur den Reichen" - ein Image, das von jenen bestens gepflegt wird, die gut davon leben.

Wenn sich rabiate Rechtsextreme, brave Christen und in schwarze Kapuzen gehüllte Linke an den Händen nehmen, um für eine gemeinsame Sache auf die Straße zu gehen, ist eine Tagung der Weltbank oder ein Gipfel der G8 nicht sehr weit. Das Thema der ideologisch gut durchmischten "Kundgebungen" ist stets dasselbe: der erbitterte Kampf gegen offene Märkte. Weil der Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen nur den Reichen nütze, wie führende Köpfe der Anti-Globalisierungsbewegung wissen wollen. Der "reiche Norden" beutet nämlich den "armen Süden" aus, wodurch sich die Schere zwischen Arm und Reich öffnet, die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden. Und so weiter und so fort.
Das hört sich nach einer Welt an, in der es nicht sonderlich fair zugeht. Der traurige Lauf der Dinge lässt sich auch mit bedrückenden Zahlen gut illustrieren. Etwa so: Während rund drei Milliarden Menschen mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen müssen, baden zur selben Zeit die Millionäre in ihren mit über 30 Billionen Dollar gefüllten Geldspeichern. Solche Botschaften gehen unter die Haut. Vor allem unter jene der gebildeten urbanen Schichten im reichen Norden. Niemand weiß das besser als professionell arbeitende "NGOs". Das muss auch so sein, schließlich leben sie vom Kampf gegen Globalisierung und Armut. Wogegen auch nichts einzuwenden ist. Als eher ungünstig erweist sich allerdings, dass zahlreiche gesicherte Erkenntnisse nicht so recht zum Geschäftsmodell der Globalisierungskritiker passen wollen. Drei Punkte, über die G8-Gegner nicht so gerne reden - weil sich ja niemand gerne selbst der Geschäftsgrundlage beraubt:
1. Die ärmeren Länder dieser Welt leiden nicht unter zu viel Globalisierung, sondern unter dem exakten Gegenteil: dem knallharten Protektionismus der Industriestaaten. Europa schottet seine Märkte für landwirtschaftliche Produkte von außen ab und subventioniert seine Bauern für die Erzeugung riesiger Überschüsse. Diese Überschüsse werden unter Zuhilfenahme weiterer Staatssubventionen auf die Weltmärkte geworfen, womit ohnehin kaum konkurrenzfähige Landwirte aus den Schwellen- und Entwicklungsländern endgültig aus dem Markt fliegen. Und zwar in hohem Bogen.
Wollen asiatische Hersteller Billigschuhe oder billige T-Shirts nach Europa ausführen, machen wir die Märkte dicht. Um jene zu beschützen, die es in den vergangenen 15 Jahren vorgezogen haben, sich nicht auf die drohende Konkurrenz vorzubereiten. Wollen Dienstleister aus dem Osten bei uns arbeiten, schotten wir wiederum unsere Arbeitsmärkte ab. Es wird für Menschen aus der Dritten Welt nicht ganz einfach werden, der Armut zu entkommen, wenn sie bei uns weder ihre T-Shirts noch ihre landwirtschaftlichen Produkte verkaufen und auch keiner legalen Tätigkeit nachgehen dürfen.
2. Die Welt bessert sich. Und zwar ganz beachtlich. Laut den Daten der UNO (die es nicht gerade mit manchesterliberalen Positionen zu Weltruf brachte) wurde die Armut in den vergangenen fünf Jahrzehnten stärker zurückgedrängt als in den fünf Jahrhunderten davor. Mussten zu Beginn der 70er-Jahre 35 Prozent aller Menschen in den Entwicklungsländern hungern, sind es heute weniger als 18 Prozent. Immer noch zu viele. Angesichts des Bevölkerungswachstums in der Dritten Welt aber dennoch eine Erfolgsgeschichte. Dass diese jüngere Vergangenheit keine Ära von Protektionismus, sondern von Freihandel ist, lässt sich schon an der Existenz der Globalisierungsgegner ablesen.
3. Der freie Handel ist der mit Abstand größte Wohlstandsbringer, den die Menschheit je gesehen hat. In jenen 24 Entwicklungsländern, die im vergangenen Vierteljahrhundert auf Freihandel setzten, schnellte das Pro-Kopf-Einkommen um mehr als zwei Drittel in die Höhe. In China hat sich das Realeinkommen verdreifacht, in Indien verdoppelt. In diesem beiden Staaten leben übrigens zwei Fünftel der Menschheit, wir haben es also mit einem Massenphänomen zu tun.

Das alles sagt freilich noch nicht sehr viel über die Verteilung des steigenden Wohlstands aus. Vieles lässt sogar darauf schließen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Deshalb lebt aber ein chinesischer Kleinbauer heute nicht schlechter als zu Zeiten der Abschottung. Besser ausgebildete Chinesen haben aber definitiv erst mit der Globalisierung die Chance, ein deutlich besseres Leben zu führen.
Der freie Handel hat leider nicht nur Segnungen parat. Das gilt insbesondere für die alten Industrien im wohlhabenden Europa. Wer es aber mit der Bekämpfung von Armut wirklich ernst meint, ist bei den protektionistischen Popstars der Anti-Globalisierungsbewegung definitiv nicht in sehr guten Händen.

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