WirtschaftsBlatt Kommentar vom 6.6.2007: Mehrwertsteuer: Österreich als Prüflabor - Herbert Geyer

Die Idee ist gut - mal sehen, wie sie sich in der Praxis bewährt

Wien (OTS) - Der Trick ist so alt wie die Mehrwertsteuer selbst:
Man meldet beim Finanzamt ein grösseres Exportgeschäft an und lässt sich die dafür anfallende Mehrwertsteuer refundieren. Wenn man diese aber gar nicht wirklich bezahlt hat, kann man die rückerstattete Steuer als Reingewinn verbuchen.

Aber auch der ganz simple Mehrwertsteuer-Betrug ist beliebt: Mit der augenzwinkernden Frage "Brauchen S' a Rechnung?" fällt die Steuer gleich ganz unter den Tisch, den Reibbach teilen sich Käufer und Verkäufer.

An sich ist die Idee, eine Umsatzsteuer als Mehrwertsteuer auszubilden, genial einfach: In jedem Unternehmen im Laufe einer Produktions- oder Handelskette wird nur der jeweilige Wertzuwachs besteuert, sodass sich im Idealfall am Schluss die einzelnen Steuerbeiträge zu einer Totalbesteuerung des gesamten Warenwertes summieren.

Aber die Praxis, dass bei jeder Transaktion ein Fünftel des Warenwertes mittransferiert wird, das nicht einem der beiden Geschäftspartner gehört, sondern einem nicht anwesenden Dritten (dem Finanzminister), beflügelt halt die Fantasie: Schliesslich macht die Mehrwertsteuer in der Regel mehr aus als die Gewinnspanne jedes der beiden am Geschäft Beteiligten.

Die Idee, die Mehrwertsteuer unbar mitzuverrechnen (siehe Bericht Seite 8), könnte daher beitragen, dieser Fantasie die Flügel zu stutzen: Wenn jeder nur den eigenen Wertzuwachs versteuert - und das direkt beim Finanzamt -, sind die umlaufenden Beträge weit geringer und damit auch der mögliche Gewinn, wenn man sie unter den Tisch fallen lässt.

Freilich ist es auch sehr vernünftig, diese neue Methode nicht gleich verpflichtend in allen 27 EU-Staaten einzuführen, sondern zunächst einmal probehalber in einem einzigen Staat - in Österreich -zu testen.

Schliesslich lässt sich die Steuerpflicht jedes Einzelnen nur errechnen, wenn man die Umsätze jedes Einzelnen in der Produktions-oder Handelskette kennt. Für die neue Mehrwertsteuerberechnung sind daher umfangreiche Meldepflichten nötig, die in der Praxis zu einer unerträglichen bürokratischen Belastung führend könnten.

Und auch die Frage, ob nicht im Fall der Insolvenz eines Beteiligten sein Nachbar in der Kette unschuldig zum Handkuss kommt, sollte in der Praxis erprobt werden.

Die Idee ist gut. Wir sind gespannt, wie sie sich in der Praxis bewährt.

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