"Die Presse" Leitartikel: "Zwischen Beamten und Schaustellern" (von Norbert Mayer)

Ausgabe vom 4.6.2007

Wien (OTS) - Im Bildungsministerium sind Kunst und Kultur
preziöse Anhängsel. Sie wären ein eigenes Ressort wert.
Wie führt man eigentlich in unserer Bundesregierung ein Doppel-Ressort? Er habe den Eindruck, sagte vor einigen Jahren ein mächtiger Direktor ganz vertraulich, dass Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) mit aller Härte und einem unglaublichen Maß an Verhandlungstaktik die Kämpfe mit den Lehrergewerkschaften verfechte, während ihre Beschäftigung mit den Bundesmuseen einen beinahe musischen Charakter hätten. Wie kleine Erholungsurlaube machten sich Gehrers kurze Unterredungen mit den Spitzen der seit Jahren in die Autonomie entlassenen Museen aus.
Das klang plausibel. Neben dem harten Leben der Schule gibt es auch die schönen Dinge des Lebens, für die man mit einigem Geschick auch noch größeren Ruhm einstreifen kann als für die Diskussion über Pisa-Schwächen. Wien besitzt die schönste Museumsmeile zwischen Basel und St. Petersburg - damit schmückt man sich gern.
Geht es also der Nachfolgerin noch besser als Gehrer? Immerhin hat Neo-Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) ein noch schöneres Ressort. Ihr ist auch der Hauptteil der Agenden von Ex-Staatssekretär Franz Morak (ÖVP) zugefallen: Sie ist für Bildung, Kunst und Kultur zuständig. Neben den Bundesmuseen darf Schmied auch die Bundestheater und die zeitgenössische Kunst fördern, verwalten und gestalten.

Es sieht aber derzeit nicht so aus, als ob schöne Künste und prächtige Kultur zur Erholung gedacht wären. Die Klientel der Direktoren hält sich für genial und ist besonders heikel in ihrer Mischung aus Management und Geist. Viele dieser Schausteller sind machtbesessen, in Intrigen geschult und egozentrisch, sie können sich darin mit Politikern oder Journalisten durchaus messen lassen. Vielleicht ist es inzwischen sogar so, dass sich Schmied in intelligenten Gesprächen mit Experten wie Bernd Schilcher über die Zukunft der Bildung von den Schrecknissen erholt, die sie im Umkreis von Staatsoper, Albertina, Kunsthistorischem Museum und Museumsquartier erwarten.
Schmied muss in den nächsten Wochen und Monaten Entscheidungen treffen, die Kunst und Kultur in Österreich für Jahre prägen werden:
Staatsoper, Kunst- und Naturhistorisches Museum, Mumok und MAK - all diese Häuser bekommen bald neue Leiter, die den Spagat zwischen staatlichem Bildungsauftrag und autonomem Unternehmertum schaffen müssen. Die Auswahl ist hart für eine Quer-Einsteigerin mit einem Super-Ministerium, das vor allem eines bewältigen muss: Die von der Regierung als vorrangig eingestufte Schulreform. Es lässt sich also fragen, ob die Zusammenlegung der Ressorts tatsächlich so günstig war, ob ein eigenes, kleines aber entschlossenes Ministerium für Kultur nicht die bessere Variante gewesen wäre.
Die Voraussetzungen für einen Erfolg sind inzwischen ungünstig. Eine erste Kraftprobe im Kabinett hat die Ministerin nach wenigen Wochen im Amt gegen einen bauernschlauen Kontrahenten nicht gewinnen können. Schmied wurde bei den Budgetverhandlungen von Finanzminister Wilhelm Molterer (ÖVP) mit Petitessen für die Museen und Theater des Bundes abgespeist. Die Erwartungen der Direktoren, die seit bis zu acht Jahren mit gleich bleibenden Subventionen des Ministeriums auskommen müssen, während die Kosten für hunderte Mitarbeiter mit der Rasanz von Beamten-Lohnrunden steigen, wurden nicht erfüllt. Deren Reaktion grenzte zum Teil an Insubordination.

Zugleich aber legen manche Direktoren ihren Auftrag, gelinde gesagt, sehr leger aus. Der Kampf ums Publikum hat zu einer wundersamen Vermehrung der Ausstellungsflächen geführt. Die füllen zu Event-Managern mutierte Museums-Leiter mit Blockbustern. Bald wird es wohl in jedem Bundesmuseum eine Melange aus Tizian, Klimt, Picasso geben - die Zäune der Schrebergärtner werden lustvoll niedergerissen. Warum also nicht demnächst Dürer im Naturhistorischen? Viecher hat er ja ausreichend viele gezeichnet.
Gegen diesen Unfug muss Schmied einschreiten. Sie hat dazu bei den anfallenden Bestellungen Gelegenheit. Noch wichtiger aber wäre es, wenn vom Ministerium ein klares Museumskonzept erstellt würde, das die Balance zwischen Konkurrenz und individuellem Auftrag halten kann. Fraglich ist aber, ob solch ein Konzept Priorität hat. Zeitaufwendiger wird weiterhin das Palaver mit der Lehrerschaft sein, der man manchmal ein Quentchen der Initiativkraft wünschen möchte, die bei den Museumsleitern so ausgeprägt ist.

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