"Kleine Zeitung" Kommentar: "Was an die Nieren geht" (Von Thomas Götz)

Ausgabe vom 03.06.2007

Graz (OTS) - Neil Postman hätte seine reine Freude gehabt diese Woche. "Problematisch am Fernsehen ist nicht, das es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert", hat der amerikanische Medientheoretiker geschrieben. 1985 war das, Jahre vor Erfindung von Big Brother, Dschungel- und Sperm-Show.

Diese Woche hätte ein weiteres Tabu fallen sollen, wie zur Bestätigung des pointierten Kulturpessimisten. Die Idee war diabolisch nett: Wir sehen am Sofa zu, wie sich drei Nierenkranke um eine Spenderniere balgen. Wer wollte, konnte per SMS abstimmen, wer das Organ am ehesten verdiente.

Wir haben uns empört und eine Themen-Seite gestaltet über den Niedergang des Mediums. Und dann das.

Es war alles getürkt. Die drei Kranken sind zwar wirklich nierenleidend, die Spenderin aber hat nur gespielt. Man wollte auf den Mangel an Spenderorganen hinweisen, teilte der Moderator dem verblüfften Publikum mit. Anders hört ja keiner zu, klang durch.

Operation gelungen also? Dass gestern der Internationale Tag der Organtransplantation war, wäre uns andernfalls entgangen. So haben wir über das Thema geschrieben und sind schon wieder dabei, es zu tun. Ein gelungener Coup also, wir gratulieren.

Hat also Neil Postman doch nicht recht?

1,2 Millionen Niederländer sind am FreitagAbend vor dem Fernseher gehockt und haben sich das makabre Spektakel angesehen. Das ist die zweitbeste Quote, die je eine Fernsehsendung in den Niederlanden erreicht hat. Die Zuseher wussten nicht, dass sie aufs Glatteis geführt werden sollten. Sie wollten einfach zuschauen beim Schaukampf um ihre Gunst, wollten sich in der prickelnden Rolle des Richters über Leben und Tod wiederfinden. Die Tabugrenze, die der Sender gar nicht ernsthaft überschreiten wollte, ist trotzdem gefallen. Früher oder später werden wir richtige Organspender-Shows sehen, mit echten Voten und echten Tränen.

Fürs erste herrscht Erleichterung: "Wichtig ist, dass das Problem nun ein Gesicht hat", ließ der Verband der niederländischen Nierenpatienten wissen. Und wieder triumphiert Postman. Dass ein Thema wichtig ist, genügt nicht. Es muss ein Gesicht haben. Erst die Personalisierung, die das Medium Fernsehen wie kein anderes bewerkstelligen kann, bewegt uns. Erst wenn ein Thema als Unterhaltung daher kommt, überspringt es unsere Wahrnehmungsschwelle.

Am Ende des Abends hatten sich 12.000 Organspender gemeldet. Das ist ein riesiger Erfolg für Patienten, die darauf warten. Aber der Preis ist hoch. ****

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