"Kleine Zeitung" Kommentar: "Dem Zuschauer wird ein guter Zweck vorgegaukelt" (Von Hertha Brunner)

Ausgabe vom 01.06.2007

Graz (OTS) - Im holländischen Fernsehen können die Zuschauer heute abend darüber abstimmen, wer die Niere einer todkranken 37-jährigen bekommt. Um das Spenderorgan bewerben sich drei Kandidaten, die zuvor die TV-Kameras in ihr Privatleben gelassen haben, das heute auf dem Bildschirm ausgebreitet wird. Danach hilft das Publikum mit kostenpflichtigen Abstimmungs-SMS dem Sender einen Teil der Produktionskosten wieder herein zu holen.

Wir hätten auch eine Dokumentation drehen können, um auf das Problem der mangelnden Organspenden aufmerksam zu machen. Aber dann hätte niemand zugeschaut, argumentiert der Chef, des öffentlich-rechtlichen Senders Laurens Drillich. Was lag also näher, als eine Niere als Höchstpreis einer TV-Show auszusetzen. So ist maximale Aufmerksamkeit garantiert: weniger dem Problem der Organspenden, dafür umso mehr dem Sender. Eine wohlkalkulierte Provokation.

Wovon wird es abhängen, wer bei dieser speziellen Casting-Show den Sieg davon trägt? Wen werden die Zuschauer und die Spenderin für wert befinden, mit einer neuen Niere weiter zu leben? Den mit dem attraktivsten Äußeren, den mit der sympathischsten Familie, oder den mit dem aufregendsten Privatleben?

Und was passiert mit den beiden Unterlegenen, die vor laufender Kamera vergebens ihre Not zur Schau gestellt haben? Abgeurteilt? Nicht für wert genug erachtet, länger zu leben? Zurück auf die Wartelisten? Zur Begleit-Therapie auf die Couch
des Sender-Pychiaters?

Wer das unmoralisch findet, der soll einen Organspende-Ausweis ausfüllen, weist der Senderchef jede Kritik an der Show als Heuchelei zurück. Sehr aufschlussreich, wie bequem der Urheber der Aufregung den schwarzen Peter Anderen in die Schuhe schiebt.

Dass Menschen im Fernsehen bloßgestellt werden, oder sich freiwillig bloßstellen lassen, ist ja nichts Neues. Das fing beim schlicht gestrickten Zladdi im Container an, setzte sich mit "Deutschland sucht den Pieps-Star" Daniel Küblböck fort, und hörte bei Heide "Null Erotik" Simonis auf dem Tanzboden noch lange nicht auf.

So gesehen ist die Organspendeshow nur eine Weiterentwicklung von "Big Brother". Jeder darf Richter spielen. Daumen rauf, oder Daumen runter ganz einfach per SMS von Wohnzimmersessel aus. Das Gefühl per Knopfdruck ein Schicksal mitbestimmen zu können, ist ein verlässlicher Quotengarant. Nur dass es inzwischen nicht mehr um Containerplätze, sondern um Menschenleben geht. ****

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