"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Dampfplaudern" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 01.06.2007

Wien (OTS) - Begonnen hat es ganz friedlich vor 32 Jahren im französischen Rambouillet mit einem Treffen der Staats- und Regierungschefs aus den USA, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan und Italien. "Weltwirtschaftsgipfel" nannte sich das Stelldichein am Kamin des mittelalterlichen Schlosses, und die Sicherheitsvorkehrungen haben sich 1975 in Grenzen gehalten. Gesprochen wurde angesichts des "Ölschocks" über eine gemeinsame Wachstums- und Stabilitätsstrategie der großen Industrienationen. Gemeinsame Interessen, ein Thema: Solche Treffen sind sinnvoll. Inzwischen sind aus dem Sechsertreffen die jährlich abgehaltenen G-8-Gipfel geworden; neben Kanada wurde Russland in die Gruppe aufgenommen. Das Treffen, das kommende Woche im (ost-)deutschen Kurort Heiligendamm stattfindet, sprengt vollends jeden vernünftigen Rahmen.
92 Millionen Euro kostet das Spektakel, 16.000 Polizisten und 1100 Soldaten bewachen den Ostsee-Badeort und die Gipfelteilnehmer. Zur Großdemonstration von Globalisierungsgegnern sind 100.000 Teilnehmer angekündigt. 4000 Journalisten werden berichten.
Von einem Meinungsaustausch in lockerer Atmosphäre und fernab protokollarischer Zwänge kann also keine Rede sein. "Wachstum und Verantwortung" steht als Motto über der Veranstaltung. Geredet werden soll über Afrika und den Klimaschutz, über strengere Regeln für Hedgefonds und über internationale Investitionen, über den Schutz des geistigen Eigentums, die laufende Welthandelsrunde der WTO und über die sozialen und ökologischen Standards bei der Globalisierung. Allein dieser Themenkatalog zeigt, wie realitätsfremd die Gipfelgespräche geworden sind. Es ist einfach absurd, all diese Fragen binnen drei Tagen in großer Runde behandeln zu wollen. Herauskommen werden bestenfalls ein paar unverbindliche Absichtserklärungen, schlimmstenfalls kommt es zum Streit. Beim Umweltschutz zeichnet sich das bereits ab.
Die vor allem von Großbritannien betriebene Erweiterung der G-8 um China, Indien, Brasilien, Mexiko und Südafrika würde jede vernünftige Diskussion schon aus Zeitgründen hinfällig machen. Aber auch ohne Erweiterung zu "G-13" ist aus dem Kamingespräch längst eine Dampfplauderei auf offener Bühne geworden. Sie dient nur noch der Befriedigung persönlicher Eitelkeiten.
Die Politiker erhoffen sich mehr Popularität in ihren Heimatländern, die regierungskritischen Organisationen mehr Aufmerksamkeit und höhere Spenden, die Berufsrandalierer eine Eskalation der Gewalt. Ob das den Aufwand lohnt, ist mehr als zweifelhaft.
Sinnvoller wäre es, die Veranstaltung wieder als Weltwirtschaftsgipfel im kleinen Rahmen abzuhalten und miteinander zu reden statt vor tausenden Journalisten große Erklärungen abzugeben.

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