Städtetag 2007 (3): Pflege und demographischer Wandel

Familiärer Wandel macht öffentliche Dienstleistungen dringlicher

Wien (OTS) - Nicht nur in Österreich, in gesamt Europa sei eine nachhaltige Änderung der Altersstruktur feststellbar, betonte Rudolf Karl Schipfer vom Österreichischen Institut für Familienforschung der Universität Wien am Donnerstag Vormittag. Österreich halte aktuell bei 8,3 Millionen Einwohnern, die Lebenserwartung belaufe sich bei Frauen auf 85 Jahre, bei Männern liege sie bei 81 Jahren. Gemäß den Berechnungen zur Bevölkerungsentwicklung bis zum Jahr 2020 ergebe sich, dass der Anteil der unter 20jährigen sinke, hingegen die Anteile der über 65jährigen steigen, bei den über 85jährigen sogar stark steigen werde. Ebenso verändere sich gegenwärtig auch das traditionelle Netzwerk der Familie: Es werde zu einem Anstieg dauerhaft Kinderloser kommen, die Zahl der Einpersonen-Haushalte bei den über 65jährigen steige an. Ebenso sei davon auszugehen, dass die Frauenerwerbsquote kontinuierlich steigen werde. Aktuell würden mehr als 80 Prozent der pflegebedürftigen Personen zu Hause von Angehörigen gepflegt werden, zu 78 Prozent seien es Frauen.

Kompetenzen besser ordnen

Margit Schratzenstaller vom Wirtschaftsforschungs-Institut (WIFO) unterstrich, dass angesichts der absehbaren demographischen Entwicklung die Nachfrage nach Altenbetreuung- und Pflegeleistungen steigen werde. Ein Problem sei bei dieser Thematik auch die zersplitterte Kompetenzaufteilung zwischen den Gebietskörperschaften, die noch durch eine Vielzahl privater Vereine und Organisationen mit unterschiedlicher Trägerschaft ergänzt werde. Falls dies in der laufenden Staatsreform-Debatte gelänge besser zu regeln, wäre dies ein Erfolg für alle Beteiligten. Während Bund und Länder explizite Kompetenzen und Aufgaben in der Altenbetreuung hätten, seien die kommunalen Kompetenzen und Aufgaben weitaus weniger klar. Besonders wichtig sei ein kommunales Engagement in den Bereichen Planung, Pflege- und Betreuungsangebote, altersgerechtes Wohnen und Infrastruktur. Hinsichtlich der Finanzierung gebe es mehrere Optionen: Zum einen eine Entflechtung und Abbau intragovernmentaler Transfers, die Erhöhung der Kostenbeiträge von Bund und Ländern an die Gemeinden, die Erhöhung kommunaler Steuerreinnahmen, zuletzt böte sich auch die Möglichkeit der verstärkten Gebührenfinanzierung an.

Wohngemeinschaften als neue Form altersgerechten Wohnens

Qualitätssicherung, die Erstellung definierter Produkte, ein Imagewandel und neue Schritte im Bereich des Wohnens seien wichtige Aspekte bei diesem gesellschaftlichen Wandel, betonte Herbert Prucher, Vorstand der Sozialabteilung des Landes Salzburg. Neben bekannten Veränderungen innerhalb der Familien, erinnerte er auch an die Schwierigkeiten, die sich durch regionale Abwanderung ergeben werden. Besonderen Schwerpunkt legte er auf neue, übersichtliche Wohnmöglichkeiten für Seniorinnen und Senioren, die in Form von Wohngemeinschaften den individuellen Persönlichkeiten besser entgegen kommen würde. Faktum sei es jedenfalls, so Purcher, dass die demografische Entwicklung und neue Familienkonstellationen zu mehr öffentlichen Leistungen führen werden.

Mobile vor stationärer Pflege

Ein Drittel, also rund 70.000 Personen, seien in Linz bereits über 50 Jahre, jeder siebente Linzer über 70 Jahre alt, illustrierte Vizebürgermeisterin Ingrid Holzhammer die Situation für Oberösterreichs Landeshauptstadt. Besonders wichtig sei ihres Erachtens der Ausbau der mobilen Pflege. Linz habe bereits neue Heime mit 1 bis 2-Bett-Zimmern in ausreichendem Maße errichtet, Ziel müsse es jedenfalls sein, dass man so lange wie möglich zuhause wohnen könne. Gemeinsam mit privaten Anbietern verfüge Linz aktuell über 2050 stationäre Pflegeplätze. Besonders wichtig sei es natürlich auch, die Leistbarkeit sicherzustellen. Die Tarife für mobile und teilstationäre Betreuung sei sozial gestaffelt, hier existiere ein Netto-Zuschussbedarf (2006) von 2,1 Millionen Euro. Für den stationären Pflege-Bereich existiere ein Zuschussbedarf in der Höhe von 16,2 Millionen Euro (2006).

Koordination zwischen medizinischen und sozialen Leistungen

Als wichtigen Schritt für die Zukunft bezeichnete Max Rubisch vom Sozialministerium den weiteren Ausbau der sozialen Dienste. Es müsse Alternativen zum Heim in Form teilstationärer Angebote oder etwa betreuter Wohnformen geben, ebenso sei die Koordination zwischen den sozialen und den medizinischen, wie auch zwischen den stationären und den ambulanten Leistungen und Diensten potwendig. Ebenso ein wichtiges Ziel: eine gesamtösterreichischen Planung nach 2010 zu erreichen. (Schluss) hch

Rückfragen & Kontakt:

PID-Rathauskorrespondenz:
http://www.wien.at/vtx/vtx-rk-xlink/
Österreichischer Städtebund
Mag. Wolfgang Hassler
Tel. 0664/826 89 98
http://www.staedtebund.gv.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | NRK0027