WirtschaftsBlatt Kommentar vom 29.5.2007: Der Lokalmatador gewinnt - von Arne Johannsen

Der Kunde schätzt Bodenständigkeit und dezentrale Strukturen

Wien (OTS) - Journalisten stehen ja im Ruf, Freude am Bösen zu haben und ihr gutes Leben mit der Verbreitung von schlechten Nachrichten zu verdienen. Deshalb wollen wir heute die Chance nutzen, good news gebührend zu würdigen. Diese positive Meldung lautet: Man muss kein strahlender Held sein, um geliebt zu werden.

Das ist für die meisten Menschen zweifelsohne eine gute Nachricht -und das Resultat der grossen Imageuntersuchung über Österreichs Banken. Bei dieser schneidet nicht Erste Bank-Chef Andreas Treichl, Osteuropa-Pionier und ewig jugendlicher Strahlemann der Finanzszene, am besten ab, und auch nicht die BA-CA, international eine grosse Nummer und bei allen Big Deals dabei, sondern der eher unspektakuläre Giebelkreuz-Verein Raiffeisen.

Auch Bodenständigkeit ist also ein Zier, und das ist keineswegs überheblich gemeint. Zwar ist der Raiffeisen-Erfolg vor allem darauf zurückzuführen, dass der grüne Riese in praktisch jedem Ort vertreten und damit in Österreich Marktführer ist. Doch den ersten Rang nur damit zu erklären, greift zu kurz. Vielmehr schätzt der Bankkunde, wenn es um sein Geld geht, offensichtlich dezentrale Strukturen. Bei Raiffeisen wird über den Kredit vor Ort entschieden, bei den grossen Wiener Instituten dagegen in der Bezirks- oder Landeshauptstadt -oder sogar in Mailand. Bei letzteren sind die Geschäftsprozesse zwar klarer strukturiert und stärker kontrolliert, bei Raiffeisen kämpfen oft die verschiedenen Ebenen oder Bundesländer gegeneinander - doch am Ende ist der mühsamere Weg der bessere. Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser, sagen sich die meisten Kunden. Auch in Kärnten hätte daher eine Mehrheit der Befragten die Hypo lieber in der Hand eines österreichischen Instituts gesehen und nicht unter Münchner Kommando.

Ein hoher Imagefaktor ist gerade im Bankensektor kein Luxus, sondern ein wesentliches Asset. Denn ähnlich wie in der Energiewirtschaft oder im Touristikbereich ist auch in der Geldbranche die Unternehmensmarke wichtiger als die einzelnen Produktmarken. "Wer die Öffentlichkeit heute und morgen überzeugen kann, den belohnt spätestens übermorgen der Markt", schreibt der Mainzer Professor Lothar Rolke, der eine ähnliche Untersuchung in Deutschland durchgeführt hat. Allerdings gilt dieser Lehrsatz auch umgekehrt: Wer öffentlich seinen Kredit verspielt, hat es schwer, wieder zurück in die Zone des Vertrauens zu kommen.

Das muss schmerzhaft die Bawag erfahren, der es in den vergangenen Monaten nur ansatzweise gelungen ist, Sympathiepunkte zurückzugewinnen.

Rückfragen & Kontakt:

WirtschaftsBlatt
Redaktionstel.: (01) 60 117/305 oder 280
http://www.wirtschaftsblatt.at

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB0001