"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Viel Geschäft und wenig Moral" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 26.05.2007

Wien (OTS) - Viele Illusionen sind in diesen Tagen brutal zerbrochen.
Die erste Illusion: Wir sind eine Nation von genialen Wintersportlern; unsere Schi-Idole reißen auch im Langlaufen der Welt ganz ohne Doping einen Haxen aus.
Die zweite Illusion: Wir arbeiten zwar mit unsauberen Mitteln, schlucken da ein Pulverl und spritzen dort Hormone, aber man erwischt uns nicht einmal dann, wenn grenzdebile Betreuer bei der Abreise von Olympischen Spielen ganze Säcke mit verbotenen Substanzen vergessen. Die dritte Illusion: Wenn man uns schon erwischt, dann stellen wir uns einfach blöd, machen auf "liebes kleines Österreich" und bleiben ungeschoren.
Die vierte Illusion: ORF, Sportjournalisten, Politik und öffentliche Meinung stehen hinter den für die Skandale verantwortlichen Funktionären von Schiverbandspräsident Peter Schröcksnadel abwärts. Daher sind sie unangreifbar.
Und schließlich die fünfte: Leistungssport hat irgendetwas mit Sport im landläufigen Sinn zu tun.
Wahr ist vielmehr, dass Leistungssport Geschäft ist - und zwar ein ganz brutales Geschäft. Vom einzelnen Sportler über die Sponsoren, und die Ausrüster (Stichwort: Schiindustrie) bis zur Tourismusbranche als ganzes gilt: Erfolg und Misserfolg von Sportlern entscheiden über Millionengewinn oder spektakuläre Pleiten.
Das ist beileibe kein österreichisches Phänomen. Italienische Fußballer, spanische, französische und deutsche Radrennfahrer, amerikanische Leichtathleten: Rund um die Welt waren und sind wir im Profisport immer wieder mit Doping, Korruption, Schiebung und Betrug konfrontiert.

Für alle an den Skandalen Beteiligten gilt, was Bert Brecht die Hure Jenny in der "Dreigroschenoper" singen lässt: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Ändern wird sich das nur, wenn spektakuläre Siege und das große Fressen entkoppelt werden.
Die staatliche Sportförderung, die Sponsormillionen von Unternehmen, die einnahmenträchtigen Sportübertragungen im TV und die Werbung mit Idolen aus dem Profisport: Das ist der Stoff, aus dem die Skandale gewoben sind.

Selbst Ex-Sportler mit Doping- oder Drogenvergangenheit gelten als erfolgreiche Werbeträger. Da werden alle Augen zugedrückt: Sie dürfen, mit skurrilen Werbepickerln übersät, als Co-Kommentatoren im ORF auftreten. Sie propagieren gesundes Essen und spekulative Geldanlagen.
Als Sieger sind sie Sympathieträger und Geldbringer. Die anständigen Mitläufer, die keine Chance haben, ganz vorne mitzumischen, sind die Dummen. Das gilt nicht nur fürs Doping, sondern auch für die wirtschaftliche Gebarung. Die Pleiten von Eishockey- und Fußballklubs beweisen das zur Genüge.
Nicht der Betrug ist verpönt und gefürchtet, sondern die Aufdeckung. Solange das so bleibt, brauchen wir uns über den Widerspruch zwischen Profisport und Moral gar nicht erst erregen.
Die Absetzung von Funktionären, die Sport und eigene Geschäfte verknüpfen; die Streichung staatlicher Förderungen; der konsequente Boykott von Produkten jener Unternehmen, die gedopte Sportler sponsern; eigene sportliche Betätigung statt des Konsums von TV-Übertragungen.

Das wäre das Rezept, um den Sport wieder sauber zu machen. Sonst dürfen wir uns weiter fragen, wie ein Mensch drei Wochen Tour de France (im Vorjahr 3654 Kilometer, zigtausend Höhenmeter, Durchschnittsgeschwindigkeit über 40 Stundenkilometer), einen mörderischen Zehnkampf oder Spitzenleistungen im Schilanglauf ohne verbotene Hilfsmittel durchstehen kann.
Die Antwort kennen wir - und wir sollten das auch zugeben.

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