"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Großes Kino" (Von Irene HEISZ)

Ausgabe vom 25. Mai 2006

Innsbruck (OTS) - Österreichische Wintersportler hatten medizinisches Gerät nur zum Anschauen im Nachtkästchen. Der Radfahrer Ivan Basso wollte dopen, hat es aber nicht getan. Sein Kollege Erik Zabel wiederum hat vor elf Jahren einmal eine Woche lang zu dopen probiert. Und Jan Ullrich sagt ohne seinen Anwalt nicht einmal die Uhrzeit.

Fassen wir zusammen: Der Mensch betrügt, wenn er kann und wen er kann - speziell der Mensch, der ein Talent und den Willen hat, diese Begabung bis an die Grenze des Machbaren auszunützen. "Spitzensport" und "Moral" in einem Atemzug zu nennen, ist ähnlich naiv wie die Anwendung der Mär vom gesunden Geist im gesunden Körper auf menschliche Höchstleistungsmaschinen.

Weil aber der Mensch, der selbst ein Durchschnittsleben mit durchschnittlichen Talenten lebt, Helden braucht, funktioniert das System. Sogar oder erst recht, wenn es vermeintlich kollabiert: Zabel stammelt heulend, er wolle seinen Sohn nicht belügen? Das ist großes, pathetisch verlogenes Kino! Der Held wird zum Antihelden zum reuigen Sünder. Happy End. Abspann.

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