"Kleine Zeitung" Kommentar: "Russland will in der globalen Champions League mitspielen" (Von Ernst Heinrich)

Ausgabe vom 23.5.2007

Graz (OTS) - Wladimir Putin wird heute freundlich lächelnd mit den Spitzen der österreichischen Politik plaudern. Er wird die Lipizzaner in der Hofreitschule beklatschen, das Staatsbankett in der Hofburg genießen und morgen stolz einen Kranz vor dem Sowjet-Denkmal auf dem Schwarzenbergplatz niederlegen. Nein, mit Österreich hat das russische Staatsoberhaupt keine Probleme - sieht man davon ab, dass die Alpenrepublik zur EU gehört. Und die ist dem Kreml seit ihrer Osterweiterung ein Dorn im Auge.

Immer öfter erinnern Putins Strafpredigten an den Beatles-Song "Back to USSR". Beim jüngsten Besuch von US-Außenministerin Condoleezza Rice verweigerte der Kreml-Herrscher ein Händeschütteln vor der Kamera und beim EU-Gipfel mit Angela Merkel verbarg er seine eisige Mine hinter einer dunklen Sonnenbrille.

Dennoch: Von einem Kalten Krieg kann (noch) keine Rede sein, eher von einem sehr kühl gewordenen Frieden.

Putin will, das ist offenkundig, den Westen spalten. Er fördert europäisch-amerikanische Disharmonien und er versucht, einen Keil in die EU zu treiben: Da die braven, alten EU-Länder wie Deutschland und Österreich, dort die neuen Bösen aus dem einst sowjetischen Glacis; etwa Polen oder die Balten.

Aber die von Putin behauptete westliche Einkreisung Russlands ist nicht nur Paranoia. In etlichen zentralasiatischen und Kaukasus-Republiken sind heute US-Soldaten stationiert. Nato und EU haben sich bis an Russlands Westgrenze herangeschoben, die Amerikaner wollen in Polen und Tschechien ein neues Raketenabwehrsystem installieren und die Ukraine entfernt sich aus dem Machtbereich des Kreml.

Wladimir Putin hat die Lehren aus den traumatischen neunziger Jahren gezogen. Er und die russische Elite wollen von niemandem abhängig sein. Und um in Europa und der Welt künftig besser mitmischen zu können, suchen die Oligarchen im Auftrag des Kreml in letzter Zeit verstärkt nach Beteiligungen in westlichen Staaten - siehe Magna oder Strabag.

Die EU muss - vor allem in der heiklen Frage der Energieversorgung -Einigkeit zeigen. Sie darf die demokratisch verbrämte Willkürherrschaft Putins nicht widerspruchslos hinnehmen, aber auch nicht ständig versuchen, Russland mit erhobenem Zeigefinger westliche Werte aufzudrängen.

Sie muss zur Kenntnis nehmen, dass sich Putins Russland nicht in Europa integrieren, nicht in der europäischen Regionalliga spielen will, sondern gemeinsam mit den USA und China in der globalen Champions League. ****

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