DER STANDARD-Kommentar "Verkehr versus Versprechungen" von Michael Möseneder

"Langsam wird es wirklich Zeit, Autofahrern und Spediteuren die Wahrheit zu sagen" - Ausgabe 23.5.2007

Wien (OTS) - Autos korrumpieren. Mit einiger Sicherheit nicht so stark wie Macht, aber wer weiß, zu welchem Schluss der gute Lord Acton gekommen wäre, hätte er nicht bereits 1902 das Zeitliche gesegnet. Und sich nicht mit der Unfehlbarkeit des Papstes beschäftigt (aus diesem Zusammenhang stammt nämlich sein Zitat über die absolut korrumpierende absolute Macht), sondern mit dem motorisierten (Individual-)Verkehr.

Wer nicht an die zersetzende Macht des fahrbaren Untersatzes glaubt, soll sich erinnern, wie das damals war, mit 18. Als man den Führerschein in Händen gehalten hat. Und plötzlich jeder Weg, der früher zu Fuß, mit dem Rad oder dem Moped zurückgelegt worden ist, plötzlich mit dem elterlichen oder eigenen Auto absolviert werden konnte.

Keine Frage: Das Auto ist für viele Männer und Frauen ein faszinierendes technisches Gerät, das Lust- und Statusgewinn verspricht. Weil man damit, wie es in den Spots der Autoindustrie immer so nett gezeigt wird, auf kurvigen Küstenstraßen dahingleiten, auf Geraden das Gaspedal durchtreten, oder auf Eis und Sand im Kreis "Zoom-Zoom" machen kann.

Die Realität sieht natürlich anders aus. Zu den Stoßzeiten kein Weiterkommen im Stop-and-go-Verkehr, kaum ein kostenloser Parkplatz in Zielnähe, und statt des schnittigen Sportflitzers kann man sich nur einen Kombi leisten. Gefahren wird trotzdem. Und nicht nur von den Individuen, die persönlich von A nach B kommen wollen, sondern auch von den Lkw-Fahrern, die sizilianische Zitronen nach Westdeutschland karren, um den ausgepressten und in Portionstüten verpackten Saft wieder nach Italien zu bringen.

Wirtschaftlich ergibt so etwas ganz sicher Sinn, da die wenigsten Unternehmer freiwillig auf Geld verzichten und Touristen sich wahrscheinlich die Finger nicht an rohen Zitronen schmutzig machen wollen. Nur: Das Wundern und Wehklagen über den vielen Verkehr auf den Straßen klingt dann schon etwas scheinheilig.

Und auf dem europäischen Asphalt werden sich in zwei Jahrzehnten noch viel mehr Pkws und Lkws die Reifen in die Karosserie stehen. Um zwei Drittel mehr Güterverkehr, um die Hälfte mehr Personenverkehr werden es im Vergleich zu 2005 sein. Mit starken Zunahmen vor allem in Mittel- und Osteuropa, wo brausende Verkehrsmassen so wie bei uns bis in die 60er-Jahre noch als Zeichen des wirtschaftlichen Aufschwungs akzeptiert bis begrüßt werden.

Aber auch in und durch Österreich wird ungebremst mehr gefahren werden, obwohl die Experten von einer realen Verdoppelung des Treibstoffpreises ausgehen. Mit dem Autofahren ist es aber nicht viel anders als mit dem Rauchen: Der Preis muss schon sehr, sehr hoch werden, bevor man sein Verhalten überdenkt, und noch viel höher, bevor man es ändert.

Die Experten, die diese Schätzungen abgeben, sind in ihren Lösungsansätzen durchaus realistisch. Neben der "Kostentransparenz" -die natürlich auf kilometerabhängige Pkw-Maut und ebenso deutlich höhere Lkw-Abgaben hinausläuft, hofft man auch auf den technischen Fortschritt. Weniger auf alternative Antriebsarten, die in zwei Dekaden noch keine überragende Rolle spielen dürften, aber auf sparsamere Motoren, leichtere Wägen, wohl auch längere Trucks mit mehr Ladegewicht.

All diese Forderungen sind weder besonders neu noch besonders radikal. Das Problem: Den gewählten Volksvertretern fehlt der Mut, sie auch umzusetzen. Sobald medial ein entsprechender Versuchsballon losgelassen wird, gehen die Proteste los, die Phrase von den "Autofahrern als Melkkuh der Nation" wird wieder aus dem Stall gelassen und mit einem mittleren Volksaufstand gedroht.

Nur, ohne jetzt zu populistisch werden zu wollen: Genau dafür werden Politiker bezahlt. Um Politik zu machen und manchmal unpopuläre Weichen für die Zukunft zu stellen. Und nicht, um in rhetorischen Floskeln Nachhaltigkeit und Reformen zu versprechen.

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