"KURIER"-Kommentar von Christoph Kotanko: "Wer Facharbeiter will, soll welche ausbilden"

Mehr Zuwanderung? Das ist nicht die erste Wahl, wenn Fachkräfte fehlen.

Wien (OTS) - Aus dem Polizeibericht, Freitag: Nach einer
Streifung der Fremdenpolizei wurden in Wien fünf Ausländer in Schubhaft genommen. Zwei von ihnen hatten jahrelang als "U-Boote" gelebt. Als illegale Hilfsarbeiter auf Baustellen bekamen sie zwei bis drei Euro pro Stunde, was laut Fremdenpolizei "schon relativ hoch ist".
Solche Sklavendienste sind in unserem Industrie- und Sozialstaat keine Seltenheit. Aber um sie geht es nicht in der aktuellen Diskussion, die ÖVP-Wirtschaftssprecher Reinhold Mitterlehner angezündet hat. Er verkündete diese Woche, die Volkspartei habe in der Integrationspolitik die "Sicherheitsperspektive" überbetont; Österreich werde von vielen für ausländerfeindlich gehalten, die begehrten Fachkräfte würden daher anderswo hinwandern. Mitterlehner bekam darauf viel Kritik zu hören, denn die "Ausländerfrage" ist seit Jahren eine Hauptkampflinie der Innenpolitik. Im Wortsturm ging der wesentliche Punkt unter: Warum braucht das Land mehr ausländische Facharbeiter ?
Laut ÖGB suchen bundesweit derzeit rund 100.000 Facharbeiter einen Arbeitsplatz. Sie haben Lehrabschluss oder Meisterprüfung - und sind trotzdem nicht zu vermitteln? Da ist etwas faul am System. Regierung und Sozialpartner haben hier eine dringliche Reformaufgabe.
Es fehlt an geeignetem Nachwuchs? Auch da ist die Antwort "Ausländer rein" zu einfach. Viele Unternehmen versagen bei der Lehrlingsausbildung. Große Betriebe haben sie längst eingestellt, sie holen ihre Leute von Verleihfirmen. Der aktuell gemeldete Bedarf an Drehern, Schlossern, Schweißern geht größtenteils auf Anfragen von Verleihern ("Arbeitskräfteüberlassern") zurück.
Die Sünden der Vergangenheit rächen sich. Offenkundig sind wichtige Lehrberufe zu wenig attraktiv. Ein Schlosser im 1. Lehrjahr bekommt laut Kollektivvertrag monatlich 444 Euro. Damit will man helle Köpfe locken? Neben der Bezahlung ist die Qualifikation mancher Ausbildner zu hinterfragen, ihr Umgangston, die menschliche und fachliche Eignung. Dieser Aspekt geht im Lamento über "die dummen Lehrbuam" unter.
Wer gute Facharbeiter will, soll welche ausbilden. Das ist die beste Lösung, ganz ohne Polit-Akrobatik.

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