WirtschaftBlatt Kommentar vom 16. 5. 2007: Von den USA abgekoppelt: Europa lebt - von Herbert Geyer

War das die erste Frucht europäischer Wirtschaftspolitik?

Wien (OTS) - Die positivste Überraschung an den BIP-Zahlen für das erste Quartal aus ganz Europa, die jetzt nach und nach eintrudeln (siehe Seite 9), ist zweifellos, dass es keine negativen Überraschungen gibt: Die Wirtschaftsforscher hatten mit einer leichten Abkühlung gegenüber dem fulminanten Schluss des Vorjahres gerechnet - und genau das zeigen die meisten Ergebnisse jetzt.

Das Erfreuliche daran: Obwohl in den USA die Konjunktur - wie ebenfalls prognostiziert - deutlich abkühlt, strahlt diese Kälte kaum auf Europa aus. In den vergangenen Jahren war das zumeist ganz anders gewesen. Wenn jetzt Europa sein Wachstumstempo halten kann, dann könnte das ein Zeichen dafür sein, dass es sich mit seiner Konjunktur endlich von den USA abkoppeln konnte, endlich eine eigenständige Wirtschaftsentwicklung schafft.

Rational ist das nichts Besonderes: Die Wirtschaftsbeziehungen zu den USA sind natürlich nicht vernachlässigbar, auch wenn es ein Weltkonzern wie DaimlerChrysler offenbar nicht geschafft hat, dies-und jenseits des Ozeans vergleichbare Resultate zu schaffen. Aber im Vergleich zur Wirtschaftsaktivität innerhalb der erweiterten Europäischen Union macht der Wirtschaftsverkehr mit den USA nur noch einen sehr geringen Teil aus.

Bemerkenswert ist aber, dass diese Realität jetzt auch die Irrationalitäten in den Köpfen der wirtschaftlich Handelnden überwunden zu haben scheint. Ein Abschwung in den USA war in den vergangenen Jahren stets auch ein Signal, bei den Investitionen in Europa entsprechende Vorsicht walten zu lassen. Dass das heuer vielleicht nicht mehr so ist, beweist auch die Tatsache, dass europäische Aktien jene aus den USA heuer überzeugend outperformen:
Während der Dow Jones heuer erst 7,8 Prozent zugelegt hat, darf sich der Dax über ein Plus von 13 Prozent freuen.

Was diese Änderung bewirkt hat, ist ungewiss. Faktum ist natürlich, dass der Wachstumsmarkt vor der Tür der "alten Europäer" einen gewaltigen Impuls gibt. Wachstumsraten in der Slowakei, in Rumänien und im Baltikum um die zehn Prozent bleiben eben auch in den Nachbarstaaten nicht ohne Wirkung, zumal viele Unternehmen, die diesen Aufschwung tragen, ihre Mutterkonzerne in den alten EU-Mitgliedstaaten haben.

Vielleicht ist es aber auch endlich die erste Frucht der bisher vergeblichen Versuche, so etwas wie eine gemeinsame europäische Wirtschaftspolitik zu kreieren - Stichwort Lissabon. Europa lebt.

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