"KURIER"-Kommentar von Anneliese Rohrer:"Die unheilvolle Liebe zum Nebensächlichen"

Abwanderung Leistungsfähiger muss gestoppt werden - mit offenen Armen.

Wien (OTS) - Das Wesen eines Staates kann man an seinem Umgang
mit der Jugend, den Leistungswilligen und -fähigen, der eigenen Zukunft also, erkennen. Wenn das stimmt, muss eine Reihe von einzelnen Ereignissen der letzten Zeit mehr als nachdenklich stimmen. Demnach würde es dem Wesen Österreichs entsprechen, bei aller Liebe zu Nebensächlichkeiten das Wesentliche zu übersehen. Wenn sieben Universitäten im Zuge ihrer Führungsentscheidungen

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verheerende Signale aussenden, wird nicht über Qualität diskutiert, sondern über Machtkämpfe (Innsbruck), Frauenquoten (Bodenkultur Wien und Donau Universität) und Plagiate als Kavaliersdelikt (Montan-Universität Leoben). Wichtig wären aber nicht akademische und/oder ideologische Feind- und Freundschaften, Burschenschaften oder Frauen, sondern die Frage: Wie wirkt das alles auf die Jungen? Wenn eine nachgewiesene "Verletzung des akademischen Anstands" auch bei einem Vizerektor zu keinem Karriereknick führt, was wäre dann so verwerflich daran?
Für sich genommen wären die jüngsten Turbulenzen in den akademischen Gefilden für das Image der Universitäten schon schlimm genug. Mit der jüngsten Klage von Rektor Georg Winckler (Universität Wien) im Ohr, dass erstklassige Professoren aus dem Ausland mittels Fremdenrechts wieder vertrieben werden, klingen die Dissonanzen an den Unis noch schriller. Die Ankündigung gestern, Dienstag, man werde zwar im Grunde nichts ändern, nur die ärgsten bürokratischen Schikanen mildern, schafft wenig Beruhigung. Sie passt allerdings trefflich zum nationalen Kleinmut.

Ruinierter Ruf Der Ruf von Wissenschafts-Institutionen im Ausland ist schneller ruiniert als wieder aufgebaut.Wenn zudem ein Klima der Offenheit und der offenen Arme fehlt, bleiben die besten internationalen Kräfte fern oder gehen wieder ins Ausland; verlassen die besten inländischen Österreich. So nahm jüngst ein Krebsforscher aus Nigeria mit österreichischer Familie ein Angebot aus Cambridge an, weil ihm dort all jene Türen offen standen, die ihm hier vor der Nase zugeschlagen wurden.
Die nationale Kurzsichtigkeit ist sehr weit fortgeschritten. Nicht einmal mehr der Blick über den Tellerrand erkennt die doppelte Bedrängung: Auf der einen Seite gibt es die jungen hungrigen Arbeitskräfte aus den neuen EU-Ländern, die bereit sind, überall (auch für österreichische Firmen) zu arbeiten, während hier der Staat schon die Übersiedlung von Wien nach Linz sponsern muss, um einen Facharbeiter dorthin zu locken.
Auf der anderen Seite ist die Abwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte und Wissenschaftler aus Österreich mangels ausreichender Qualität und Perspektive kein Zukunftsschrecken, sondern Realität. Der sogenannte brain drain ist eine unmittelbare Gefahr, aber noch immer gilt eben der Leitsatz für Universitäten, Studenten plus Vertretung und Politik: In unserer Liebe zum Nebensächlichen soll uns niemand übertreffen.

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