Film Austria protestiert gegen Geschäftsführer-Bestellung beim Filmfonds Wien

Der Geschäftsführer antwortet

Wien (OTS) - Zuallererst ist klarzustellen: Nicht "die österreichische Filmwirtschaft" äußert sich hier, sondern eine Interessensgemeinschaft von 16 Produktionsfirmen, von denen vier noch nie beim Filmfonds Wien einen Antrag gestellt haben und fünf durch die Jahre die meisten Förderungen des Filmfonds überhaupt erhalten haben, nämlich Allegro Film, Dor Film, epo-film, WEGA Film und SATEL, nicht zu vergessen die MR Film, deren große und für Wien bedeutungsvolle Projekte in den letzten drei Jahren alle auf Anhieb gefördert wurden. Soviel zum Verhältnis dieser Firmen zum Filmfonds Wien.

1. Den "Erfolg" einer Förderungstätigkeit allein an den Rückzahlungen von erfolgsbedingt rückzahlbaren Zuschüssen zu messen, ist eine eigenwillige Auffassung, die weder die Zustimmung der europäischen nationalen und regionalen Förderungen noch der EU Kommission finden dürfte. Denn Filmförderung ist erstens Kulturförderung und zweitens standortorientierte, also beschäftigungs- und auslastungsorientierte Förderung, aber nicht ein auf zukünftige Einnahmen gerichtetes Investment. Es ist ein kulturpolitisches Ziel, dass ein Film - so wie eine Ausstellung, ein Theaterstück - von möglichst vielen Menschen gesehen wird, egal wo. Viele europäische Filme werden von mehr Menschen auf Festivals gesehen als im Kino. Soll man deswegen die Festivals abschaffen, weil dann mehr Leute ins Kino gehen würden? Eine Schlussfolgerung, die bei europäischen Kultur- und Standortpolitikern und bei Filmschaffenden selbst wohl kaum auf große Begeisterung stoßen würde...

Tatsächlich sind jene Firmen, die schon über einen längeren Zeitraum immer wieder zurückzahlen konnten, jene, die Film Austria angehören. Tatsache ist, dass aus einem Hit wie "Hinterholz 8" rund 26 Prozent der Förderung zurückgezahlt werden konnten, aus einem künstlerisch weitaus erfolgreicheren Film wie der "Klavierspielerin" jedoch auch fast 20 Prozent. Der unermüdlich strapazierte Gegensatz von künstlerisch erfolgreichen "Festivalfilmen" und "kommerziell erfolgreichen Publikumsfilmen" ist daher Unsinn.

Tatsache ist auch, dass von rund 995.000,- Euro, die seit dem Jahr 2001 zurückgezahlt wurden, 627.000,- auf Juryentscheidungen aus der Zeit meiner Geschäftsführung zurückgehen. Was Dr. Noll als "wirtschaftliche Katastrophe" bezeichnet, ist also nachweislich falsch. Und ganz nebenbei wurden in meiner "Ära" auch jene beiden Filme gefördert, die erstmals in der Geschichte von Filmförderung in Österreich die Förderungen vollständig zurückzahlen konnten, nämlich "Die fetten Jahre sind vorbei" (coop99) und "We feed the world" (Allegro Film); "Darwin’s Nightmare" steht bei 76 Prozent. Warum aus den meisten Filmen der österreichischen Erfolgsproduzenten in den letzten Jahren aber immer weniger zurückgezahlt wurde und ausgerechnet aus jenen Filmen mit den höchsten Budgets und den höchsten Förderungsbeträgen (z.B. "Henker", "All the Queen’s Men") gar nichts, diese Frage müssen die Produzenten beantworten. Die Förderung hat dies bewusst nicht kritisiert, weil Förderung - so wie Filmproduktion - immer Risiko ist.

2. Der - gegenüber allen Förderungen regelmäßig erhobene - Vorwurf des "Gießkannenprinzips" geht ins Leere, denn wie immer wird demagogisch darüber hinweggegangen, dass die behauptete "Gießkanne" sehr unterschiedlich große Öffnungen hat: manche trifft eher ein Gartenschlauch, und andere ein Sprühregen; nicht nur Gärtner wissen, dass auch der sehr hilfreich sein kann. Hier mit einem Durchschnittsbetrag zu arbeiten, verbietet die statistische Anständigkeit. Zum Beispiel rund 900.000,- für den "Henker" (Allegro) oder "Poppitz" (Dor) und 650.000,- für "Falco" (MR) sprechen eine deutliche Sprache und sagen uns, dass weder Gesamtkosten eines Films noch die Höhe der Förderung etwas über das Erfolgspotential eines Films aussagen - wobei wir hoffen, dass "Falco" zum statistischen Ausreißer wird. Dass der Filmfonds jedoch auch dem Grundsatz der kulturellen Vielfalt zu folgen hat, zu dem sich die Stadt Wien in ihrer gesamten Kulturpolitik bekennt, steht außer Frage. Und damit erfüllt er - so wie das Österreichische Filminstitut - eine Aufgabe, die von der Branche selbst jahrelang vernachlässigt wurde: Nämlich die Bemühung um einen Nachwuchs auch an ProduzentInnen.

3. Da Dr. Noll über Interna des Filmfonds wenn schon nicht präzise, so doch informiert ist, kann es schwerlich seiner Aufmerksamkeit entgangen sein, dass der von ihm kritisierte gesunkene Anteil der Herstellungsförderung an der Gesamtförderung mit den seit dem Jahr 2000 nur marginal gestiegenen Verwaltungskosten überhaupt nichts zu tun hat, sondern mit einer Verschiebung der Förderungen zugunsten der früher vernachlässigten Projektentwicklung und Verwertung. Die Zahlen dazu stehen in Kürze auf der Website des Filmfonds, auch die Verwaltungskosten, denn wer öffentliche Mittel verwaltet, darf nichts zu verbergen haben. Wer mit Begriffen wie "Desaster" um sich wirft,, sollte sich seine eigene Argumentation ansehen.

4. Den ORF für die Argumentation von Film Austria zu vereinnahmen, ist typisch für die Strategie des Herrn Dr. Noll, denn bislang war niemand seitens des ORF bereit, dessen "sachliche Bedenken" zu artikulieren und wenn jemand in diesem Land nicht die Fürsprache des Herrn Dr. Noll braucht, dann vermutlich der ORF, der einer der sekundären Hauptnutznießer der Förderungstätigkeit des Filmfonds Wien ist.

5. Entgegen Dr. Nolls Darstellung ist eine Wiederbestellung des Geschäftsführers mit Ausschreibung erstens in der Satzung des Filmfonds Wien gar nicht vorgesehen und wäre dann ja wohl eine Neu-und keine Wiederbestellung. Die ginge auch, aber erst nach insgesamt 12 Jahren Funktionsdauer.

Wie passt es eigentlich in das Demokratieverständnis des Verfassers, "einigen" (also mehr als zwei, oder?) Kuratoriumsmitgliedern "direkte berufliche Abhängigkeit" von einem Wiener Stadtrat zu unterstellen? Einer Vertragsbediensteten? Einer Kunsthallengeschäftsführerin? Was hätte diese in der Phantasie eines Dr. Noll zu befürchten? Welches Politikverständnis steht hinter solchen Auffassungen?

Wenn sich Dr. Noll über interne und der Verschwiegenheitspflicht unterliegende Fondsangelegenheiten so gut informiert zeigt, sollte er auch wissen, dass erstens eine "Entlastung" des Geschäftsführers gar nicht vorgesehen ist und zweitens die Unterlagen nicht mangeln, weil ich die Geschäfte nicht ordentlich geführt hätte, sondern weil eine Vereinbarung mit der Stadt Wien über die bilanzielle Behandlung der Auflösung von liquiden Mitteln 2006 ausständig war - die inzwischen vorliegt. Auch darüber wird man sich demnächst auf der Website des Filmfonds orientieren können, denn die Bilanz eines öffentlichen Fonds gehört genauso wie die Förderungsdaten, die Erfolge der geförderten Filme und deren Rückzahlungen, in die Öffentlichkeit.

Zu den falschen Behauptungen - wie jene, dass Kuratoriumsmitglieder gar nicht aufrecht bestellt seien - lässt sich nur fragen: was kostet schon die Wahrheit, wenn sie einem nichts nützt? Gemäß Satzung des Filmfonds (steht im Internet) liegt die Entscheidung über die Erhöhung der Mitgliederzahl des Kuratoriums nicht beim Stadtrat, sondern beim Gemeinderat. Auch das gehört zur Strategie: Dem Stadtrat zu unterstellen, etwas nicht zu tun, wovon bekannt sein muss, dass er es zu diesem Zeitpunkt gar nicht tun kann.

Wenn man aber den Gedanken des Herrn Dr. Noll folgt, haben Ausschreibung und Hearings schon 1999 nichts genutzt. Meine Empfehlung lautet daher: Der Geschäftsführer des Filmfonds Wien wird künftig im Auftrag der Stadt von Film Austria ausgeschrieben und ausgewählt, aber nur auf die Dauer von zwei Jahren. Dann ist die AAFP - jener Produzentenverband, von dem sich die Film Austria abgespalten hat - an der Reihe; dann der Dachverband der Filmschaffenden, die beiden Regieverbände usw. Dasselbe geschieht beim Österreichischen Filminstitut.

Das Problem dürfte nur sein: Auch das wird an den eigentlichen Defiziten des "Themas Film" nichts ändern, wie da wären: Verankerung im Bildungssystem und gesellschaftliche Akzeptanz, Ausbildung, Nachwuchs, Beschäftigungsverhältnisse, am Publikum vorbei entwickelte Stoffe, zu hohe Budgets, Abhängigkeit vom ORF, mehr Spekulation auf vordergründigen Erfolg als nachhaltige Überzeugtheit vom eigenen Tun und ein - glücklicherweise in Bewegung geratenes - Stillehalten gegenüber neuen Distributionsformen und einem innovativen Marketing, das in anderen Sektoren der "creative industries" schon lange eine Selbstverständlichkeit ist. Als Partner für den Abbau dieser Defizite stehe ich gerne zur Verfügung; als Bauernopfer im Versuch, Kulturförderung aus öffentlichen Mitteln für interne Umverteilungskämpfe einer Branche zu vereinnahmen, die -wirtschaftlich statt kulturell - an sich selbst vorbei argumentiert, nicht.

Rückfragen & Kontakt:

Dr. Peter Zawrel
Geschäftsführer
Filmfonds Wien
Tel.: (01) 526 50 88

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