DER STANDARD-KOMMENTAR "Heuschrecke schlägt Bären" von Leo Szemeliker

Cerberus wird bei Chrysler hart sanieren müssen - Stronach setzt auf Russland - Ausgabe vom 15.5.2007

Wien (OTS) - Der Tiervergleich ist aufgelegt: Cerberus übernimmt die Mehrheit am US-Autohersteller Chrysler, den Amerikanern ist eine sich als Höllenhund bezeichnende einheimische Heuschrecke trotz allem lieber als der gestopfte russische Bär.
Frank Stronach hat sich mit der Hereinnahme eines schwerreichen Oligarchen als mitbestimmenden Aktionär positioniert: Sein Zulieferkonzern Magna setzt auf neues Wachstum im Osten, nicht auf alte Probleme im Westen.
Dass ein Traditionskonzern wie die 1925 vom deutschstämmigen Walter P. Chrysler (Kreisler) gegründete Corporation, drittgrößter Autohersteller der USA, mit uramerikanischen Ikonen wie Jeep oder Dodge im Portfolio, indirekt an einen russischen Neureichen gegangen wäre, das wäre der Öffentlichkeit schwer zu vermitteln gewesen. Ebenso wie die Tatsache, dass Magna-Neoaktionär Oleg Deripaska in Schlüsselindustrien in Russland der bestimmende Faktor ist und Entscheidungen direkt mit dem Kreml koordiniert. So viel Globalisierung hätte der durchschnittliche Amerikaner, der die Kids aus der Vorstadt in seinem Chrysler-Minivan zum Softball-Training kutschiert, nicht vertragen. Und die Öffentlichkeit sollte doch tunlichst wieder mehr Chrysler-Modelle kaufen, und nicht so viele Toyotas wie in den vergangenen Jahren.
Chrysler ist ein wichtiger Kunde für Magna, deswegen liegt eine Sanierung durchaus im Interesse des auch in Österreich stark verwurzelten Konzerns. Allerdings muss den "dirty job" nun jemand anderer machen. Und Stronach muss nicht sein lange Jahre in der Öffentlichkeit poliertes Selbstbild vom die Mitarbeiter hegenden guten Patriarchen anpatzen.
Magna arbeitet darüber hinaus für andere Konzerne auch noch, fertigt etwa Nischenfahrzeuge wie den Bestseller BMW X3 in Graz-Thondorf und verdient damit, relativ gesehen, mehr Geld, als es mit der Massenkonfektion in den USA je möglich wäre. Magna ist zwar durchaus auch ein Technologiekonzern - beim Thema Allrad sind beispielsweise die Grazer Ingenieure noch aus Steyr-Daimler-Puch-Tradition heraus Weltspitze. Aber deswegen hätte Magna seine 4x4-Antriebe auch nicht nur Chrysler oder Jeep exklusiv anbieten können. Denn der Zulieferer lebt davon, dass so gut wie alle Autohersteller seine potenziellen Kunden sind.
Gewinner der aktuellen Entwicklung ist die Daimler AG. Betrachtet man die nominellen Werte, so sieht der Preis, den Cerberus für 80 Prozent an Chrysler hinlegen muss, 7,4 Milliarden Dollar, zwar läppisch aus im Vergleich zu den 43 Milliarden Dollar, die Daimler (inklusive Schuldenübernahme) für die Mehrheit 1998 in Kauf genommen hat. Aber ab sofort können sie ans Verdienen gehen, aber richtig: Konkurrenten wie Audi oder BMW führen vor, wie sich mit deutschen Oberklasselimousinen Geld machen lässt. Die Vision von der Welt AG, die in allen Segmenten und Märkten mit den unterschiedlichsten Playern und Produkten zugegen sein muss, ist grandios gescheitert. Finanzinvestoren wurden vom deutschen Politiker Franz Müntefering deswegen Heuschrecken genannt, weil sie durch die Gegend ziehen und zwecks Selbsterhalt Substanz verputzen. Das kann jetzt durchaus auch passieren: Jeep wäre erster Kandidat, sollte der Konzern zerlegt werden. Doch von einem Investor erwartet die Öffentlichkeit fast schon Grausamkeiten. Die Geldgeber erwarten sie auf jeden Fall. Mitunter stehen danach auch schlankere, aber gesündere Unternehmen mit sicheren Arbeitsplätzen da. Die Geschichte wird es beweisen. Die neuen Eigentümer haben jedenfalls einiges zu tun: Die Probleme bei Chrysler sind älter als die gescheiterte Ehe mit den Stuttgartern. Da wäre die unzeitgemäße Modellpalette. Uramerikanisch wie die Benzinvernichter ist auch der Fehler, der von Heuschrecken-Vorgängern begangen wurde: die Gründung der "antikommunistischen" privaten Pensionsfonds vor 50 Jahren, die die US-Autoindustrie die letzte Substanz kosten. Das haben letztlich auch die Deutschen unterschätzt.

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/445

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST0001