"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der Papst hat sich nicht zum Schiedsrichter machen lassen" (von Wolfgang Sotill)

Augabe vom 14.5.2007

Graz (OTS) - Wen immer man während der letzten Tage in Brasilien gesprochen hat, Laien, Priester einheimische Kleriker oder ausländische Missionare sie alle haben den Papstbesuch rasch auf die Frage zugespitzt: Wird Benedikt XVI. für oder gegen die Befreiungstheologie Stellung nehmen, oder sich für die charismatischen Erneuerungsbewegungen einsetzen?

Der Papst ist abgereist, die Debatte wird fortgesetzt. Und zwar auf der drei Wochen im brasilianischen Aparecida konferierenden lateinamerikanische Bischofskonferenz Celam.

Bei dem Streit mit Historie immerhin dauert die Auseinandersetzung seit der Celam 1968 geht es längst nicht mehr um Inhalte, sondern einzig und allein darum: Wer hat Recht?

Haben also jene Bischöfe und Befreiungstheologen Recht, die die Lebenssituation von 290 Millionen Armen zum Ausgang ihres Kirchenbildes machen? Die ihre Anliegen nicht allein fromm in Fürbitten vor Gott tragen wollen, sondern die als Christen politische Verantwortung im Sinne einer gesellschaftlichen Veränderung übernehmen wollen? Die also eine Kirche wollen, die auch von unten nach oben gehört wird und die sich nicht damit abfindet, Herde zu sein, ausschließlich geleitet von einem Hirten. Haben diese Recht?

Oder haben jene Bischöfe und Theologen Recht, die durchaus scharf die Verantwortung des Staates einfordern, wenn es um soziale Gerechtigkeit geht, denen es aber widerstrebt, die katholische Kirche, in der sie ein wunderbar vielfältiges Spektrum sehen, auf die eine und einzige Frage der Armut zu reduzieren? Haben sie Recht, weil sie den ganzen Menschen auch mit seinen spirituellen Nöten im Blick haben? Haben sie Recht, weil sie fürchten, die Kirche könnte sich in weltlichen Strukturen verheddern? Ein wahrhaft Weiser, der die Antwort kennt.

Der Papst, der bei den Themen Abtreibung, Gewalt, Drogen und zur sexuellen Enthaltsamkeit eine sehr klare Sprache gefunden hat, hat sich im innerkirchlichen Richtungsstreit von keiner Seite vereinnahmen lassen. Und genau das war schon die Botschaft: Die katholische Kirche ist so groß, dass beide Seiten nebeneinander Platz haben. Vorausgesetzt, jeder gibt seinen Alleinvertretungsanspruch auf Christusauf.

Vielleicht könnten die Charismatiker sogar lernen, dass die Worte der Tröstung konkrete soziale Umsetzung brauchen, sollen sie nicht zu Worten der Vertröstung verkommen. Und vielleicht können die politischen Theologen annehmen, dass der Mensch mehr braucht als nur das Brot allein. ****

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