Keine Antagonisten: Grundlagenforschung und Anwendung

Wien (OTS) - Chris Mombers, Technology Foundation STW,
Niederlande, präsentiert anhand eines Fallbeispiels aus Holland, wie sich ein Zusammenhang zwischen wissenschaftlichem Output und verwertbaren Ergebnissen herstellen lässt.

Grundlagenforschung hängt oftmals der Nimbus der Nutzlosigkeit an - Forschung, die "nur" dazu dient, unser Wissen zu erweitern. Doch Grundlagenforschung kann auch Mehrwert für externe Anwender schaffen, "das ist kein grundsätzlicher Gegensatz" erklärt Chris Mombers, stellvertretender Direktor der niederländischen Technology Foundation (STW). In der Forschungspolitik der Niederlande wird dieser "Wertsteigerung" von Ergebnissen der Grundlagenforschung zunehmende Beachtung geschenkt, betont Mombers, der bei der vom Wissenschaftsfonds FWF veranstalteten Konferenz "Science Impact" die Förderorganisation STW vorstellt. Diese unterstützt Projekte von Universitäts-Forschern - allerdings nur, wenn sie einen Verwertungs-Ansatz haben.

Hochkarätige in- und ausländische Experten diskutieren bei der vom FWF in Kooperation mit der European Science Foundation organisierten internationalen Konferenz "Science Impact - Rethinking the Impact of Basic Research on Society and the Economy" am 10. und 11. Mai 2007 in Wien die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Grundlagenforschung, Gesellschaft und Wirtschaft.

Erste Ergebnisse einer Evaluation von STW im Jahr 2006 haben einen deutlichen Zusammenhang zwischen wissenschaftlichem Output (gemessen an Publikationen) und verwertbaren Ergebnissen gezeigt, so Mombers. Doch der Wissenstransfer von öffentlichen Forschungsorganisationen zur Wirtschaft, speziell den Klein- und Mittelbetrieben (KMU) ist nicht selbstverständlich. Die Niederlande haben dafür mit dem 1981 gegründeten STW ein Modell einer "Public-Privat-Partnership" in F&E entwickelt.

Grundsätzlich wird in den Niederlanden Forschung nach Disziplinen gefördert. Für jedes Fachgebiet gibt es eine eigene Abteilung in der Niederländischen Forschungsorganisation NWO, auch wenn in den vergangenen Jahren interdisziplinäre Förderinstrumente eingerichtet wurden. Unter dem Dach der NWO nimmt der STW allerdings eine Sonderstellung ein: dieser Fonds fördert Projekte aus allen wissenschaftlichen Disziplinen. Jede andere Abteilung der NWO kooperiert mit STW, sobald eine mögliche Anwendung in Sicht kommt.

Mombers nennt zwei Voraussetzungen für die Förderung durch STW:
ein Projekt muss höchsten wissenschaftlichen Kriterien entsprechen, gleichzeitig in Richtung praktischer Anwendung abzielen und "Verwertung" bzw. "Nutzanwendung" im Fokus haben. Unterstützt werden nur Projekte von Uni-Forschern, gleich welcher Disziplin. "Alles ist uns willkommen, solange es einen Verwertungsansatz gibt", sagt Mombers.

Um das Ziel einer Nutzanwendung der wissenschaftlichen Ergebnisse nicht aus dem Auge zu verlieren, hat STW ein spezielles Instrument zur Projekt-Begleitung entwickelt: für jedes Projekt wird ein "Anwender-Komitee" eingerichtet, welches die wissenschaftliche Arbeit eng begleitet und auch bei der Projekt-Evaluierung vor allem hinsichtlich der Einschätzung der Verwertbarkeit eine wichtige Rolle einnimmt. Als Anwender und somit Mitglied dieser Komitees kommt jede Institution in Frage, gleich ob Unternehmen, Krankenhaus oder Ingenieurbüro - solange sie das im Projekt generierte Wissen zur Anwendung bringen können.

Die Anwender-Komitees sind gleichzeitig ein wirkungsvolles Instrument des Wissenstransfers. Sie dienen als Kommunikationsplattform zwischen Universität und Unternehmen (44 Prozent der Komitee-Mitglieder sind KMU). Mindestens zwei Mal pro Jahr setzen sich die Firmenvertreter mit dem Projektteam zusammen, die Inhalte dieser Gespräche sind vertraulich. Bei der Nutzung neuer Erkenntnisse eines Projekts werden die Mitglieder des jeweiligen Komitees bevorzugt.

Auf Basis regelmäßiger Evaluierungen der Projekte berichtet STW jährlich über den Stand der Verwertung. Im langjährigen Durchschnitt kommt es bei rund einem Drittel der STW-Projekte (übliche Laufzeit:
fünf Jahre) tatsächlich zu einer wirtschaftlichen Verwertung der in der Grundlagenforschung gewonnenen Erkenntnisse. In einem weiteren Drittel ist noch weitere wissenschaftliche Arbeit nötig. Und jedes Dritte Projekt "endet irgendwo dazwischen", so Mombers.

Mit dem in STW-Projekten gewonnenen Wissen wird zunehmend Geld verdient, betont Mombers. Davon profitiert nicht nur die Wirtschaft, sondern auch die Forschung. Denn die geistigen Eigentumsrechte an dem in STW-Projekten generiertem Wissen sind im gemeinsamen Besitz der Technology Foundation und der jeweiligen Universität, an welcher der Projektleiter arbeitet. Bei Lizenzierung - die Verhandlungen dafür führt STW - fließt also ein Teil des Profits wieder zurück zur Technology Foundation. Dieses Geld kommt wieder der Forschungsarbeit jener Forschergruppe zu Gute, welche die ursprünglichen wissenschaftlichen Erfolge erzielt hat. Auf diese Art gibt es zusätzliches Geld für erfolgreiche Teams.

Im vergangenen Jahr stand STW ein Budget von rund 49 Mio. Euro zur Verfügung, das vom niederländischen Wissenschafts- und dem Wirtschaftsministerium kam. Durch Patentrechte flossen der Technology Foundation weitere sechs Mio. Euro zu, die nach Abzug der Patentkosten den Wissenschaftern wieder zur Verfügung gestellt wurde. Zwischen 2001 bis 2006 wurden in STW-Projekten 113 Patentanträge gestellt. In diesem Zeitraum gingen 26 Start-Ups aus diesen Projekten hervor.

Rund 160 Projektanträge werden jährlich gestellt, etwa jeder Dritte davon wird gefördert. Von den in den Anwender-Komitees beteiligten Unternehmen wird eine Beteiligung an den Projektkosten - die auch in Sachzuwendungen wie etwa Geräteausstattung erfolgen kann - erwartet.

Für Mombers zeigt das Beispiel STW deutlich, dass Netzwerke zwischen Wissenschaftern und Anwendern, wie die Komitees, dauerhafte Forschungs-Partnerschaften und Wissenstransfer fördern. So bewerten die in den Komitees beteiligten Institutionen in einer Umfrage die Kooperation mit anderen Anwendern in diesen Gremien als wichtigsten Vorteil. Mombers unterstreicht allerdings den Unterschied zwischen der Forschungsarbeit an sich und der Verwertung von Forschung: dies erfordere unterschiedliche Denkweisen, Fähigkeiten und Organisation. "Interesse und unternehmerische Einstellung sollte dabei von beiden Seiten kommen", betont der Experte.

Auch wenn das niederländische Modell gut funktioniert, bleibt Mombers realistisch. So sind kaum kurzfristige Erfolge von der Wissenschaft zu erwarten: "Die Markteinführung kann einige Jahre dauern - oder auch Jahrzehnte." Denn Forschung ist nur ein Glied im Innovationsprozess. Doch auch die Wissenschafter warnt Mombers vor überzogenen Erwartungen: "Rechnen Sie nicht damit, durch den Verkauf wissenschaftlicher Ergebnisse reich zu werden."

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