DER STANDARD-Kommentar: Russisch für Fortgeschrittene -von Leo Szemeliker

Der Magna-Coup zeigt: Österreich ist Drehtür für die Westexpansion der Oligarchen - Ausgabe vom 11.5.07

Wien (OTS) - Russen und Österreicher verstehen einander sehr gut. Das ist seit Sowjetzeiten bekannt, wissenschaftlich mehrfach untersucht und zuletzt auch im realen Wirtschaftsleben bewiesen worden. Warum? Wegen ähnlicher Trinksitten? Siehe: die Rolle der "Reblaus" in den Staatsvertragsverhandlungen 1955. Wegen ähnlicher Mentalitäten dank verbindender slawischer Herkunft zumindest mancher Ostösterreicher? Im Falle Peter Haselsteiners und Frank Stronachs dürfte Letzteres zumindest wegfallen. Und doch werden beide unter anderem als jene Menschen in die heimische Wirtschaftsgeschichte eingehen, die russischem Kapital als Erste viel Verständnis entgegengebracht haben.
Der Baukonzern Strabag, dem der Tiroler Haselsteiner vorsteht, und der um ein vielfaches größere Automobilzulieferer Magna, den der in der Steiermark geborene Kanadier Stronach kontrolliert, holten in kurzer Folge Oleg Deripaska als Geschäftspartner in ihre Firmen. Der Reichtum des jungen Oligarchen fußt in jenen dunklen Zeiten der "Privatisierung", als nach dem Zusammenbruch der UdSSR 1991 am meisten vom alten Staatsvermögen von jenen zusammengerafft wurde, die buchstäblich die wenigste Gnade mit Konkurrenten gezeigt hatten. Heute ist Deripaska 39 Jahre alt und nach seinem Freund Roman Abramowitsch zweitreichster Russe und mit dem Kreml bestens vernetzt. In die Familie von Wladimir Putins Vorgänger, in den Jelzin-Clan, hat Deripaska sogar eingeheiratet. Dass sich das Blatt für einen Oligarchen schnell wenden kann, hat Michail Chodorkowski bitter erfahren müssen. Er verlor das Vertrauen Putins, dann seinen Yukos-Konzern und sitzt heute im sibirischen Gulag. Kein Wunder, dass viele der neuen Russen schauen, dass sie ihr Vermögen schnell in den Westen schaffen.
Die Russen können auch einiges bieten: beste Politkontakte, den Zugang zum Heimmarkt, eine nach Produkten hungernde Volkswirtschaft. In Russland existieren bittere Armut und unfassbarer Reichtum nebeneinander. Russland ist aber riesig, und genauso sind die Wachstumsraten, egal in welcher Branche man sich bewegt. Für Automobile sind die Prognosen schwindelerregend. Kein Wunder, dass die Geschäftsleute im Westen den Geruch, der manchem Geld anhaftet, ignorieren.
Im Standard-Gespräch vor einem Monat lieferte Deripaska auch in wenigen Sätzen weniger eine Rechtfertigung als vielmehr eine Erklärung: "Die Leute im Westen kennen die russische Realität nicht. Ich verspreche nicht nur, sondern ich liefere auch Ergebnisse." Stronach schlägt mit dem Oligarchen-Coup - wie zuvor auch Haselsteiner - zwei Fliegen mit einer Klappe: den Zugang zum russischen Markt wie auch Kapital für künftige Investitionen. Im Falle Magnas könnte dies eine Ironie ergeben, über die so mancher Amerikaner gar nicht lachen wird können: Denn gemeinsam mit dem kanadischen Investmenthaus Onex und Magna könnten die Russen indirekt Eigner des drittgrößten amerikanischen Autokonzerns, nämlich Chrysler, werden. Und ob dies Realität wird, liegt ausgerechnet in der Entscheidungshoheit der Deutschen, nämlich der DaimlerChrysler-Manager in Stuttgart. Globalisierung ist keine Einbahnstraße. Russischkurse sollten ernsthaft in Erwägung gezogen werden.
Österreich ist die Tür in den Osten, dies zeigten die beeindruckenden Erfolge heimischer Firmen in den vor 20 Jahren noch von der Sowjetwirtschaft kontrollierten Staaten. Jetzt zeigt sich, dass Österreich eine Drehtür ist.
Prinzipiell ist dies nicht verwerflich. Die Frage ist oft nur, welche Geschichte das Geld hat, das hier durchgeschleust wird, oder wie diese Geschichte bisher aufgearbeitet worden ist. Wenn es um Geschäfte mit Russland geht, haben sich die westlichen Staatschefs bisher auch noch immer herumgedrückt, den Zustand der Demokratie in Putins Reich mit angemessenen Worten zu bedenken. Die Wirtschaftskapitäne werden sich hüten, dies zu tun.

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