"Vorarlberger Nachrichten" Kommentar: "Vom Babyboom zum Pillenknick" (Von Kurt Horwitz)

Ausgabe vom 11.05.2007

Wien (OTS) - Die Generation der "Babyboomer" geht um 2020 in Pension, die geburtenschwachen Jahrgänge der "Pillen-Generation" rücken nach. Alexia Fürnkranz-Prskawetz, Vizedirektorin am Wiener Institut für Demographie, brachte das Problem kürzlich beim "Internationalen Pensionssymposion der Raiffeisen-Versicherung" auf den Punkt: "Wir erleben eine Strukturverschiebung von jung zu alt, von Berufstätigen zu nicht Berufstätigen".
Die Pensionsreform der ersten schwarz-blauen Regierung aus dem Jahr 2003 sollte dem Problem die Spitze nehmen. Wer früher in Pension geht, bekommt weniger, wer länger arbeitet, wird mit einer höheren Rente belohnt. Die jetzige rot-schwarze Regierung hat die Neuregelung zum Teil korrigiert und ihr damit laut Eigendefinition die Giftzähne gezogen; in Wirklichkeit nimmt sie dadurch der Jugend die Chance, im Alter mehr als eine mickrige staatliche Grundsicherung zu bekommen. Das "Europäische Pensionsbarometer 2006" spricht eine deutliche Sprache. In Österreich machen die staatlichen Ausgaben für die Alterspension bereits 13,4 Prozent dessen aus, was wir alle in Form des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften. Fast jeder achte Euro geht also über Steuern und Abgaben ins Pensionssystem.
Wir nehmen damit knapp vor Italien (13,1 Prozent), Schweden (12,2) und Deutschland (12 Prozent) den Spitzenplatz in Europa ein. Dasselbe Bild zeigt ein Vergleich der Pensionsjahre: Der Durchschnittsösterreicher genießt seine staatliche Pension rein rechnerisch beachtliche 20,4 Jahre lang. Nur die Franzosen liegen mit 20,9 Jahren noch etwas darüber.
In den oft als soziales Vorbild hingestellten skandinavischen Ländern sieht es dagegen ganz anders aus: In Dänemark wird die Pension im Durchschnitt nur 15,3 Jahre lang ausbezahlt, in Schweden 17,5 Jahre. Die Deutschen kommen auf 17,6 Jahre.
"Wir haben bis zur Pensionsreife der Babyboomer noch ein Jahrzehnt, um Fehlentwicklungen zu korrigieren", sagt Fürnkranz-Prskawetz. Geschieht das nicht, passiert zweierlei: Die Wirtschaft muss auf die Erfahrung der Älteren verzichtet, und das reduziert die Produktivität; und das Wirtschaftswachstum wird gebremst, weil ganz generell Arbeitskräfte fehlen.
Die starke Nachfrage nach privaten Vorsorgeprodukten der Versicherungen zeigt, dass die Jungen in die staatliche Pension keine großen Erwartungen setzen. Ihnen vorzurechnen, dass sie mit höheren Pensionen rechnen können, wenn sie sich von vornherein auf eine längere Lebensarbeitszeit einstellen, muss also keineswegs politisch unpopulär sein. Die dadurch vermittelte Sicherheit könnte im Gegenteil sogar Wählerstimmen bringen.
Das Problem dabei ist, dass Politiker fast immer in Legislaturperioden von vier oder fünf Jahren denken. Die Überalterung ist aber ein Problem, das sinnvoll nur auf Jahrzehnte hinaus angegangen und gelöst werden kann. Sonst fehlt den Jungen die Planbarkeit, und sie begehren zu Recht auf.

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