Kritische JournalistInnen aus Serbien und dem Kosovo ausgezeichnet Signal für Europa - Press Freedom Award 2006 im Parlament überreicht

Wien (PK) - Die Journalistinnen Svetlana Lukic und Svetlana Vukovic aus Belgrad sowie der Journalist Migjen Kelmendi aus Prishtina/Kosovo erhielten den "Press Freedom Award 2006 - Signal für Europa" zur Anerkennung und weiteren Ermutigung ihres Einsatzes für die Pressefreiheit in den Reformstaaten Ost- und Südosteuropas. Der von der OMV finanziell unterstützte Preis wurde heuer zum fünften Mal von der Organisation "Reporter ohne Grenzen" unter der Schirmherrschaft der Österreichischen UNESCO-Kommission verliehen. Die Preisträger nahmen ihre Auszeichnungen heute Abend im Rahmen einer Feierstunde im Parlament aus den Händen von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer, "Reporter ohne Grenzen"-Präsidentin Rubina Möhring und OMV-Generaldirektor Wolfgang Ruttenstorfer entgegen.

Nationalratspräsidentin Barbara Prammer begrüßte das zahlreiche und prominente Publikum mit der ehemaligen Dritten Präsidentin des Nationalrates Heide Schmidt und den BundesministerInnen a. D. Eleonore Hostasch und Erwin Lanc sowie den Nationalratsabgeordneten Petra Bayr und Ulrike Lunacek an der Spitze. Der Press Freedom Award sei notwendig, weil die schwierigen Bedingungen sichtbar gemacht werden müssen, unter denen Journalisten in vielen Regionen der Welt ihre wichtige Arbeit für Demokratie und Frieden verrichten, sagte die Nationalratspräsidentin. "Ohne die Pressefreiheit wäre die Demokratie bankrott", zitierte Barbara Prammer den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und brachte ihre Freude über die Zuerkennung des Press Freedom Awards 2006 an Svetlana Lukic, Svetlana Vukovic und Migjen Kelmendi zum Ausdruck.

Präsidentin Rubina Möhring ("Reporter ohne Grenzen Österreich") nannte es als Ziel ihrer Organisation, für die Wahrung der Pressefreiheit zu kämpfen und das Bewusstsein für ihre Bedeutung wach zu halten. Die heutigen Preisträger sind Journalisten, die sich mit Zivilcourage und unter Einsatz ihres Lebens dafür einsetzen, die Vergangenheit mit einem kritischen Blick aufzuarbeiten und die Probleme der Gegenwart offen zu diskutieren. Mit der Situation der Journalisten in Serbien setzte sich Rubina Möhring kritisch auseinander, berichtete von Morddrohungen gegen JournalistInnen und klagte darüber, dass der Mord an einem Journalisten auch nach Jahren immer noch nicht aufgeklärt sei.

Auch Generalsekretärin Gabriele Eschig (Österreichische UNESCO-Kommission) setzte sich mit der weltweit zunehmenden Tendenz zur Einschränkung der Pressefreiheit auseinander, wobei sie darauf hinwies, dass solche Einschränkungen immer öfter mit Maßnahmen beim "Kampf gegen den Terror" oder mit dem Kampf um Quoten, der zur Zurückdrängung kritischer Information zwinge, begründet werden. Gabriele Eschig würdigte die Arbeit der drei Preisträger, die ihre Arbeit für die Presse- und Meinungsfreiheit unter sehr gefährlichen Bedingungen leisten.

OMV-Generaldirektor Wolfgang Ruttenstorfer (OMV) betonte den Wert freier, kritischer und qualitativ hochwertiger Information für sein Unternehmen und dessen Mitarbeiter, die in 28 Staaten der Welt tätig sind. Auch der Corporate Citizen, als den sich die OMV verstehe, sei auf demokratische Abläufe angewiesen, daher habe sein Unternehmen den Press Freedom Award ins Leben gerufen, berichtete Ruttenstorfer. Der OMV-Generaldirektor würdigte den kritischen Journalismus der drei Preisträger und unterstrich die Bedeutung ihrer Arbeit als Zeichen für Transparenz und Demokratie in ihren Ländern und als wichtige Signale für Europa.

Botschafter Albert Rohan sprach als Mitglied der internationalen Jury, der auch Freimut Duve, ehemaliger OSZE-Repräsentant zum Thema Medienfreiheit, Monica Nagler-Wittgenstein, Vorsitzende von "Writers in Prison/Stockholm" und die österreichische Botschafterin in den USA, Eva Nowotny, angehörten. Botschafter Rohan würdigte in seiner Rede die Integrität und den Mut, mit denen die PreisträgerInnen heikle politische und gesellschaftliche Themen aufgreifen und sich bemühen, Tatsachen schonungslos darzulegen. In Serbien habe sich die Situation der Medien auch nach dem Regimewechsel im Jahr 2000 wenig geändert, stellte Rohan fest. Unabhängige Medien würden wenig relevante Themen aufgreifen, offizielle Medien unkritische Berichterstattung betreiben und Debatten über grundlegende Fragen der serbischen Gesellschaft nicht stattfinden. Angriffe auf kritische JournalistInnen gebe es nach wie vor. Positiv vermerkte Rohan aber, dass in Serbien eine aktive und breite Zivilgesellschaft immer wieder ihre Stimme erhebe. Die Preisträgerinnen Svetlana Lukic und Svetlana Vukovic repräsentierten den Teil der Medien, der sich nicht scheue, Themen wie etwa Vergangenheitsbewältigung, politische Verantwortlichkeit oder den Zustand der Justiz anzusprechen.

Im Kosovo verzeichnete Rohan eine Konsolidierung der Medienlandschaft und einen Pluralismus der Medien und Meinungen. Der März 2004 mit seinen antiserbischen Ausschreitungen sei ein Sündenfall der Medien gewesen, als selbst seriöse Zeitungen eine beschämende Rolle spielten. Als Konsequenz bemühe man sich seither um eine verbesserte journalistische Ausbildung. Die mit dem Preis ausgezeichnete Zeitschrift "java" unter ihrem Chefredakteur Migjen Kelmendi habe sich der nationalistischen Hysterie entgegengestellt und sich für Toleranz und Selbstkritik eingesetzt. Im Ringen um die zukünftige Staatlichkeit des Kosovo erfülle sie damit eine wichtige Funktion.

Migjen Kelmendi leitete seine Dankesrede mit der Feststellung eines internationalen Experten für die Frage der Zukunft des Kosovo ein. Diese lasse sich in einem Wort ausdrücken: "Europa". Die kosovarische Gesellschaft ist eine junge Gesellschaft mit 70 % Menschen unter 30 Jahren, denen aber viele Bedingungen fehlten, um Anschluss an Europa zu finden, was Bildung, Arbeit und Mobilität betreffe. Kelmendi appellierte in diesem Zusammenhang daher auch an die europäische Verantwortlichkeit, das Schengen-Regime zu lockern, um den jungen Bewohnern die Möglichkeit zu geben, die Welt kennenzulernen. Die Aufgabe der freien Presse sieht Kelmendi darin, Selbstreflexion zu ermöglichen, Identitätsfragen anzusprechen und im nationalistischen Diskurs "die Saat des Zweifels zu säen"

Für die "beiden Svetlanas" dankte Svetlana Vukovic für die Zuerkennung des Preises. Sie verwies auf den Geschichtsrevisionismus, der in Serbien stattfinde. Nur vor diesem Hintergrund sei das Erstarken der Partei des extremen Nationalismus verständlich. In Serbien wünsche man sich zwar europäische Löhne, gleichzeitig sei man aber nicht bereit, europäische Werte zu akzeptieren. Das für sie beide freudige Ereignis der Zuerkennung eines Preises sei gleichzeitig ein trauriger Tag für ihr Land, denn die Verleihung eines Press Freedom Award an Vertreterinnen des kritischen Journalismus unterstreiche, dass in der Frage der Pressefreiheit in Serbien noch immer keine Normalität bestehe.

Die Preisträger des "Press Freedom Award 2006 - Signal für Europa"

Migjen Kelmendi

Der Journalist Migjen Kelmendi wurde 1959 geboren und studierte Jus in Prishtina. 1991 gründete er die Wochenzeitschrift Epoca und 1996 das theoretisch-literarische Magazin MM (Zweites Jahrtausend). Er war zunächst Direktor für das Programm Fernsehen und Literatur im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Radio Televisio Kosovo, bevor er 2001 die Wochenzeitschrift "java" gründete. Migjen Kelmendi veröffentlichte Essaysammlungen über Albanien und Amerika (Toward Home, 1998) sowie den Roman Gryka e Kohes (Das Tor der Zeit, 1994). Migjen Kelmendi tritt für einen Kosovo als neues, nicht ethnisch abgeleitetes europäisches Land von Bürgern ein, befasst sich mit der Identität der Kosovaren und setzt sich für die Bewahrung des im Kosovo gesprochenen albanischen Idioms "Gheg" ein.

Svetlana Lukic und Svetlana Vukovic

Svetlana Lukic (geb. 1958) und Svetlana Vukovic (geb. 1961) kommen beide aus Belgrad und widmen sich der serbischen Vergangenheitsbewältigung. Die couragierten Journalistinnen betreiben eine 90-Minuten-Radiosendung namens Pescanik (Sanduhr), die jeden Freitag um 9.30 Uhr im unabhängigen Sender B 92 ausgestrahlt wird. Fachleute halten die Sendung für das derzeit ambitionierteste Medienprojekt in Serbien. Die Sendung bringt nicht nur Nachrichten, sondern auch unabhängige Analysen und erscheint auch als Buch. Mittlerweile stehen die beiden Journalistinnen unter starkem Druck: B 92 strahlt "Pescanik" zwar nach wie vor aus, Lukic und Vukovic werden aber nicht mehr vom Sender bezahlt und sind auf Spenden angewiesen.

Für die vom Publikum mit viel Beifall aufgenommene musikalische Umrahmung des Abends sorgte der Akkordeonist Milos Todorovski.

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