Experten fordern: "Keine fossilen Energieträger mehr zur Erzeugung von Raumwärme"

Zu wertvoll zum Verheizen - Klimaschutz und Wirtschaftswachstum unter einen Hut bringen: Energieeinsparungen bei Raumwärme leichter als in anderen Sektoren realisierbar

Wien (PWK356) - "Viele Gründe sprechen dafür, den Energiebedarf im Gebäudesektor drastisch einzuschränken", unterstrichen Wolfgang Amann, Geschäftsführer des Institutes für Immobilien, Bauen und Wohnen, Carl Hennrich, Geschäftsführer des Fachverbandes Stein- und keramische Industrie der Wirtschaftskammer Österreich, sowie Winfried Kallinger, Sprecher der Berufsgruppe der gewerblichen Bauträger im Fachverband der Immobilientreuhänder in der WKÖ: "Die Klimaziele der EU mit Einsparungsvorgaben von kurzfristig 8 Prozent (bis 2012, Österreich: 13 Prozent), mittelfristig 20 bis 30 Prozent (bis 2020) und langfristig (2050) mit 60 bis 80 Prozent sind ernst zu nehmen." Zudem sei die Abhängigkeit von Energieimporten ist sicherheitspolitisch zunehmend brisant.

Die Klimastrategie der EU und Österreichs geben auch und insbesondere für den Gebäudesektor ambitionierte Ziele vor, unter anderem die Erhöhung der thermischen Sanierungsrate von heute 1 bis 2 auf 3 Prozent (kurzfristig bis 2012) bzw. 5 Prozent (mittelfristig); Koppelung der großvolumigen Neubauförderung an den so genannten klima:aktiv-Passivhaus-Standard" ab 2015; Umstellung von 100.000 (bis 2010) bzw. 400.000 Haushalten (mittelfristig bis 2020) auf erneuerbare Energieträger sowie die Einbeziehung von Energieeffizienz in die Raumplanung. "Diese Ziele sind ein klares Commitment. Der Weg zu ihrer Erreichung ist allerdings noch reichlich unklar", hielten die Experten aus dem Bereich Immobilien, Bauen und Wohnen, heute, Mittwoch, vor Journalisten fest.

Gerade im Sektor Raumwärme seien Einsparungen aber leichter als anderswo realisierbar. Auch da seien die Vorgabe durch die Klimastrategie 2007 ambitioniert: Die Emissionen im Sektor Raumwärme sollen bis 2010 um 20 Prozent unter das Niveau von 1990 gebracht werden. Das bedeutet gegenüber dem heutigen Stand innerhalb eines Zeitraumes von drei Jahren eine Reduktion um ein volles Viertel. Insgesamt bestehe die klare Perspektive, Klimaschutz und Wirtschaftswachstum unter einen Hut zu bringen. So bedeuten die Emissionsziele für den Sektor Raumwärme einen massiven Impuls für die Bau- und Bauproduktewirtschaft. Im Gegensatz zu internationalen Instrumenten wie dem Ankauf von Emissionszertifikaten sind bauliche Maßnahmen voll inlandswirksam. Thermische Sanierungen bedeuten Komfortgewinn für die Bewohner und eine Wertsteigerung der Immobilien. Ein Bekenntnis zu massiven Emissionseinsparungen im Gebäudesektor wird zu einem Technologieschub bei Umwelttechnologien führen. Und: "Erfolge im Gebäudesektor senken den Druck auf die Industrie", führte Winfried Kallinger aus.

Allerdings fordern der Fachverband der Immobilien- und Vermögenstreuhänder, der Fachverband Stein- und keramische Industrie gemeinsam mit den einbezogenen Verbänden Güteschutzgemeinschaft Polystyrol-Hartschaum, der Zentralverband Industrieller Bauproduktehersteller, die Gemeinschaft Dämmstoffindustrie, die IG Passivhaus Österreich sowie das Institut für Immobilien, Bauen und Wohnen, "eine weiterreichende und gleichzeitig klarere Zielsetzung, konkret: die völlige Abkoppelung der Raumwärme von fossilen Energieträgern. Diese sei bis 2020 technisch möglich und gleichermaßen wirtschaftlich wie sozial sinnvoll und verträglich. Sie erfordere allerdings umgehendes entschlossenes Handeln der Politik und bedürfe einer nationalen Kraftanstrengung", so die Vertreter der Bau- und Bauproduktewirtschaft.

Folgende erste Maßnahmen führen gemäß einer aktuellen Studie des Institutes für Immobilien, Bauen und Wohnen, kurz IIBW, zum Ziel:
* Differenzierte Strategien für die einzelnen Segmente des Gebäudebestands: Bürohäuser, öffentliche Gebäude oder Gewerbeobjekte sind mit anderen Anreizen und regulatorischen Maßnahmen in Fahrt zu bringen als private Mietwohnungen und vermietete Eigentumswohnungen, selbst genutzte Eigentumswohnungen und Eigenheime oder Gemeinnützige Mietwohnungen und Gemeindewohnungen.
* Umsetzung über eine umfassende Wohnrechtsnovelle mit klimabezogenen Maßnahmen in Mietrechts-, Wohnungseigentums- sowie Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz.
* Umsetzung über einer Novelle des Einkommensteuergesetzes zur Ermöglichung einer steuerlichen Förderung der thermischen Wohnhaussanierung vor allem in Hinblick auf Eigenheime und Eigentumswohnungen.
* Umsetzung über eine Artikel 15a B-VG Vereinbarung zwischen Bund und Ländern zur Einführung hoher verpflichtender Standards in den Bauordnungen (maximale Heiz- und Kühlenergie für alle Gebäude) sowie die weitgehende Ausrichtung der Wohnbauförderung auf die gemeinsamen Klimaziele.

Bauträger-Branchensprecher Winfried Kallinger zur Rolle der gewerblichen Wohnungswirtschaft dabei: "Gewerbliche Bauträger sind schon heute in der Lage, Häuser in jeder erforderlichen thermischen Qualität zu errichten. Allerdings muss der Markt behutsam auf die neuen Produkte vorbereitet werden. Im sozialen Wohnbau stellt sich immer die Frage der Leistbarkeit."

Ein klares und symbolträchtiges Bekenntnis hätte starke Motivationskraft. Das Zählen eines Countdowns wirkt stärker dynamisierend als Zielwerte in Tonnen und Kilowatt. Eine Vereinbarung von Regierung und Wirtschaft würde den Anspruch auf internationale Technologieführerschaft Österreichs im Bereich Umwelttechnik unterstreichen. Und: Ein solches Ziel wäre international effizient kommunizierbar.

Günter Lang von der IG Passivhaus ergänzte: "Null-Emission im Gebäudesektor ist eine Win-Win-Strategie für Bewohner, Bauträger, Bauwirtschaft, Klimaschutz und Volkswirtschaft. Mit dem heute bereits ausgereiften Passivhausstandard sind so im Neubau 80 Prozent und in der Altbausanierung auf Passivhausstandard sogar bis zu 95 Prozent Einsparung bei einem Großteil der Gebäude möglich - die Basis für Null-Emission im Gebäudesektor."

Carl Hennrich, Geschäftsführer des Fachverbandes der Stein- und keramischen Industrie, betonte die Bedeutung von Maßnahmen in den Bauordnungen: "Wir müssen dem Thema Kühlenergie wesentlich mehr Aufmerksamkeit schenken! Eine kluge Baustoffwahl kann helfen, besonders bei Bürobauten der Energievernichtung Einhalt zu gebieten."

Franz Roland Jany von der Gemeinschaft Dämmstoffindustrie bestätigte: "Ohne zielgerichtete und koordinierte Zusammenarbeit zwischen Bund, Ländern und Wirtschaft wird Österreich die Klimaschutzziele, im speziellen durch eine Anhebung der Sanierungsrate im Gebäudebereich, nicht erreichen."

Die Kosten für die Reduktion von Emissionen sind allerdings hoch. Für internationale Instrumente wie der Ankauf von Emissionszertifikaten oder das JI/CDM-Programm (Joint Implementation / Clean Development Mechanism) wird mit Kosten von 8 bis 40 Euro pro Tonne CO2-Äquivalent pro Jahr gerechnet. In der IIBW-Studie wird nachgewiesen, dass die thermische Sanierungsförderung ähnliche Kosten von rund 15 Euro pro Tonne CO2-Äquivalent pro Jahr verursacht. Allerdings steht diesen Kosten ein weit höherer Nutzen gegenüber, insbesondere die umfangreichen Rückflüsse an die öffentliche Hand (Mehrwertsteuer, Körperschaftssteuer, ersparte Arbeitslosengelder aufgrund Baubeschäftigung), die Erhöhung des Lebensstandards der Bevölkerung, die Erhöhung des Substanzwerts der Gebäude sowie die verringerte Abhängigkeit von Energieimporten.

Der Sektor Raumwärme verursacht heute cirka 16 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr. Mit einer jährlichen Reduktion um 1 Million Tonnen pro Jahr kann das Ziel mittelfristig erreicht werden. Dafür werden Kosten von rund 1 Milliarde Euro zusätzlich zu den bisherigen Mitteln der Wohnbauförderung veranschlagt. Bei entsprechender Gestaltung wiegen die zusätzlichen Rückflüsse an den Staat diese Kosten auf. Dazu Winfried Kallinger: "Die Wohnbauförderung hat sich als effizientes Instrument zur Umsetzung von Politikzielen etabliert. Es wird mit ihr und angelagerten Instrumenten wie einer steuerlichen Förderung gelingen, die ambitionierten Klimaziele zu erreichen."

Carl Hennrich betonte abschließend die Bereitschaft der Stein- und keramischen Industrie: "Die Baustoffindustrie legt ein volles Bekenntnis zur thermischen Sanierung ab. Ergänzend dazu müssen aber Kriterien entwickelt werden, die ein sinnvolles Abwägen zwischen energiesparender Sanierung und zeitgemäßem Neubau möglich machen." (JR)

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